Verdammt, ich lebe noch, oder: Die 4 Tage von Friedrichsstadt

Lektürehinweis: Es folgt offensichtlich keine Gute-Laune-Literatur. Aber es ist, wie ich’s erlebt habe. Mir ist es wichtig, nicht zu sehr zu verschleiern oder zu verschönern. Man lese mit Umsicht für sich und mit Nachsicht für mich.

“Ich will mich umbringen. Ich will nicht sterben. Ich kann nicht mehr!”, wimmere ich in mein Handy.

Es ist der siebte Juli 2025, die Nacht von Montag auf Dienstag. Zappenduster. Um mich herum keine Seele. Nicht einmal passierende Autos oder Laster. Ich sitze auf meiner Lieblingsbank vor einem Atrium mit Wildwiese. Unmittelbar dahinter: die majästetischen Schlote des Heizkraftwerks Nossener Brücke. Wenn ich schon nicht in meinem geliebten Ruhrpott adieu sagen kann, ist das hier sicherlich das Nächstbeste.

Ich hatte mir ausgemalt, dass ich mir die Pulsadern aufschneide, den Notruf wähle und hinüber bin, bevor der Krankenwagen da ist. Jetzt sitze ich hier und mein schöner Plan ist futsch, weil ich noch einmal im Kopf durchgerechnet habe. Bin ich vielleicht schon tot, bevor ich die 112 gewählt kriege? Findet mich dann eine kreischende Mutti samt Kinderwagen mit dem ersten Morgentau? Die Viere von mir gestreckt mit aufgerissenen Äuglein, kalkweiß, weil mein Blut um mich herum statt in mir drin ist?

Nein, das geht so nicht. Außerdem will ich gar nicht sterben, ich hatte mich gerade fast gern. Das ist ungünstig. Deshalb liegt das Obstmesser, das ich zuhause hastig eingesteckt habe, unverrichteter Dinge neben mir auf der Bank, deshalb spreche ich jetzt mit dem Notruf, unaufgeschnitten.

“…okay?”, ertönt die unsichere Stimme eines mittelalten Mannes vom anderen Ende, “Wo sind Sie denn?”.

Und noch eine Lücke in meiner Kalkulation. Man sollte wirklich firmer in den Örtlichkeiten sein, in denen man sich umbringen will.

“Ehm, das ist um die Ecke von der Tharandter Straße. Neben der Brücke. So ne Wildwiese” Meine Stimme bricht weg. Ich heule. Die laue Sommernacht wird langsam kalt.

“Die Kollegen sind unterwegs und in etwa fünf Minuten da. Bleiben Sie bitte am Hörer.” Der Mann vom Notruf reiht Fragen hintereinander. Wie lange geht es Ihnen schon schlecht? Was ist denn passiert? Haben Sie sich bereits etwas angetan? Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie? Mir ist klar, dass er mich beschäftigen will. Antworten kann ich nicht. Diese erstaunliche Ruhe, mit der ich zur Bank gekommen bin, ist verpufft. In mir dreht sich alles und mein Schmerz dreht sich nach außen.

“Ihr Geburtsdatum – wann ist das?”

Tausendmal haben die Lehrer gesagt, etwas müsse wie aus der Pistole geschossen kommen, wenn man uns Nachts aufweckt. “Vierter Dritter Neunzehnsiebenneunzig.” Pau, pau.

Kurze Stille. “Sie sind ja noch richtig jung”, ertönt es betroffen vom anderen Ende. Und das macht mich wiederum betroffen. Dieser arme Hund ist so überfordert. Man erwartet von Leuten in seinem Job eine Abgebrühtheit, eine Klarheit. Und jetzt sitze ich hier und er sitzt in seiner Schaltzentrale und die Straßenlaternen brummen um unsere Ratlosigkeit herum.

Ich sehe dem Krankenwagen dabei zu, wie er sich dreimal quietschenden Reifens verfährt.



Wach werde ich erst wieder gegen kurz vor Zehn am Dienstag in einem Krankenhauszimmer, das mir recht kryptisch erscheint. Vor ein paar Stunden wurde ich hier im Dunklen von einem Pfleger hineingeschoben, mit nichts bewaffnet außer einer verpackten Krankenhauszahnbürste und einer kleinen Tube Krankenhauszahnpasta. Nun ist es hell, und vier Schritte von meinem Bett steht eine Pflegerin und rüttelt an einer großen Bettlakenroullade, unter der ich meine Zimmergenossin vermute. Auch sie hatte ich in der Nacht kurz erspäht.

Oh mein Gott, Sie haben mich auf ein Zimmer mit einer vollkommen fremden psychisch Kranken gesteckt.

Moment mal – ich bin auch eine vollkommen fremde psychisch Kranke.

Die Aufmerksamkeit der Pflegerin ruht definitiv nicht bei mir und ich weiß nicht recht, was ich machen soll. Meine Kleiderauswahl (schwarzer Wollpulli, schwarze Jeans, geblümte Fleecejacke) war tatsächlich mehr für mein Ab- als für mein Überleben bestimmt gewesen. Jetzt, wo ich das Zeitliche doch in keinster Weise gesegnet habe, bereue ich sie. Meine Kleidung klebt unangenehm an mir und ich stinke vermutlich gottlos nach Angstschweiß. Am schlimmsten würde daran sicherlich mein Stofftier, Bro, leiden, sofern er denn fühlen könnte. Bro ist ein blau gepunkteter Stoffaffe, den ich mit Vierzehn genäht habe. Jetzt ruht er als letzter emotionaler Anker zum Diesseits in meiner Armbeuge. Gestern hatte ich ihn als Begleiter fürs Jenseits in meine Tasche gestopft.

Wenn du wüsstest, dass du heute nacht stirbst – Was würdest du mitnehmen?

“Möchten Sie vielleicht schon einmal in das Esszimmer gehen?”, nun späht die Pflegerin doch über ihre Schulter, während sie weiter an meinem Mitbewohnerinnenwäscheberg rüttelt. Vergebens. “Dort bekommen Sie Frühstück.”

“Welches ist das Esszimmer?”, frage ich klein und fiepsig.

“Der Raum mit den vielen Tischen und Stühlen in der Mitte der Station. Gleich gegenüber vom Dienstzimmer.”

Ich spare mir an der Stelle die Frage, welches das Dienstzimmer ist, und mutmaße, dass ich in den Raum soll, in dem ich gestern nach meiner Aufnahme kurz verweilt und ins Leere geglotzt habe. Auf wackligen Beinen hiefe ich mich aus dem Bett und lasse Bro mit einem bedauerndem Tätscheln zurück. Vermutlich ist das hier ein knochenharter Schuppen und ich möchte nicht jetzt schon meine Street Credibility aufs Spiel setzen, indem ich mit einem Stofftier anschlürfe.

Der mäßig besuchte Gang führt mich problemlos Richtung mäßig besuchtem Esszimmer. Zumindest bin ich mir sicher, es wiederzuerkennen. In kleinen Tischgruppen sitzen hier und da ein paar dubiose Gestalten herum mit viel zu kleinen weißen Tassen. Sie sitzen auf Holzstühlen mit gelben Rückenelementen, die auch fabelhaft in einen Kindergarten passen würden. In Mini, versteht sich. Zahlreiche Fenster bedenken den unansehnlichen Raum großzügig mit Licht. Licht, das auf blau marmoriertes PVC klatscht. Ich wage bebenden Herzens den Schritt durch die Tür, aber niemand nimmt Notiz von mir. An einer Selbstbedienungsbar stehen Wasserkocher und ein Kaffeeautomat, den ein apologetischer Zettel ziert:

“Leider Defekt. Techniker ist informiert!”

Wenn ich mich so in den Gesichtern im Raum umsehe, meine ich, die kollektive Stimmung ob dieser Brachlage zu erkennen.

Ein paar weitere kleine Schränke sind mit Gesellschaftsspielen, Groschenromanen und Puzzles bestückt. Ein, zwei große Zimmerpflanzen in die Ecken gestellt – fertig ist eine sterile Wohlfühloase für den gepflegten Irrenhausaufenthalt. Am linken Ende des Raumes scheint die Essensausgabe zu sein, denn durch eine Glasfront kann man Klinikpersonal in der Küche herumschwirren sehen. Ich nähere mich, unsicher und tapsig.

“Hallo, mein Name ist Rühle, ich kriege hier Frühstück?”

Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.

Eine Pflegerin um die Vierzig scannt kurz eine einlaminierte Tabelle. Man merkt, dass ich ungelegen in etwas hereinplatze. Wahrscheinlich gibt es hier aber auch keine gelegenen Zeitpunkte. “Ah ja, Frau Rühle. Sie sind ja neu, da bekommen Sie unser Standard-Begrüßungsessen. Kaiserschmarrn. Das können Sie sich gleich hier abholen, ist Ihnen das Recht?”

Auch wenn mein Magen sich gerade anfühlt wie ein umgestülpter Luftballon, zu Zucker sage ich nie nein. Und Kaiserschmarrn! Standard-Begrüßungsessen in der Psychiatrie! Solche Schlagzeilen sollten in der Reklame genutzt werden.

Ich schlürfe an den hintersten Tisch und verstecke mich halb hinter einer gesättigten Monstera. Bloß niemandem in die Augen schauen. Hinterher fragt noch wer, in klassischer Knastmanier, warum ich hier bin.

Ich musste die Hochschulgruppe, in der ich aktiv war, verlassen, weil mich ein Mann dort belästigt hat. Mehrmals habe ich nach Hilfe gefragt. Sie kam nie. Von keinem der Gruppenmitglieder. Nicht von meinem besten Freund in der Gruppe. Nicht von dem jungen Mann, mit dem ich die Gruppe geleitet habe. Wir waren übrigens ineinander verliebt. Heimlich. Wacklig auch, aber ich dachte, das wird. Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass gar nichts mehr wird. Mein Leben findet von heute auf morgen ohne mich statt. Wenn alles so schnell weg sein kann, warum dann nicht ich?

Ja, nee. Es war schon schlimm genaug, dass ich das dem Bereitschaftsarzt um zwei Uhr in der Notaufnahme erklären musste. Und der hat mich angeglotzt wie eine Kuh. Da will ich mich vor den anderen Patienten nicht lächerlich machen. Die haben bestimmt alle wirklich was.

Mir wird gewahr, dass ein Teechen meine Verfassung positiv beeinflussen könnte. Also knarrzenden Stuhls wieder aufgestanden und Richtung Kaffeebar. Leider wird mein geschmeidiges Manöver dadurch behindert, dass ich den Wasserkocher nicht bedienen kann. Der hat nämlich nicht nur so einen An-Aus-Klicker, der hat einen Timer und viele Knöpfe und generell reichlich unnötigen Bimbam am Gehäuse. Um meine missliche Lage noch zu verschlimmern, wird meine Untüchtigkeit bemerkt.

“Halloooo”, nähert sich mir ein Mann mit Brille und verschärften Geheimratsecken. Er sieht hier gänzlich heimisch aus. Die Pantoffeln und der Bademantel sitzen, der salz-pfeffrige Dreitagebart auch. “Ich bin der Remo. Du bist bestimmt neu hier! Warte mal, ich mach das eben für dich.”. Mit erschütternd leichten Handgriffen stellt Remo den Wasserkocher auf 100°, 2 Minuten, setzt ihn zurück auf die Station und drückt auf den größten Knopf. Der Kocher piept und bebt und ich möchte doch nur wieder in meiner Monstera verschwinden. Aber nicht mit Remo.

“Jaja, das ist alles gerade ein bisschen schwierig hier, auch wegen der Kaffeemaschine. Hast du dich schon ein bisschen umgesehen? Ich kann dir gerne eine Führung geben, wenn du willst. Waschküche, Fernsehzimmer und so weiter. Ich weiß, wie strange das hier alles am Anfang ist, aber ich bin immer mal wieder hier und kenn die Station mittlerweile besser als meine Wohnung”

Was du nicht sagst, Remo, denke ich bei mir. Er ist mir unangenehm. Seine Freundlichkeit wirkt etwas aufgesetzt und verzweifelt. Werde ich auch irgendwann an den Punkt kommen, an dem ich mich darüber profiliere, wie gut ich mich auf Station B84 auskenne?

“Nee du, danke”, sage ich viel leiser, als ich eigentlich angepeilt habe, “Ich bin gerade noch etwas durch. Später vielleicht.”

Remo hebt beschwichtigend die Arme. “Na klar, komm erstmal an. Ich steh dann zu deiner Verfügung!”. Dann zieht er vondannen, zurück zu zwei älteren Herren an einen Gruppentisch, an dem Skat gespielt und in einer Tour über alles geschimpft wird: Die Pfleger:innen, die Ärzt:innen, das Essen, die Zimmer, der Behandlungsplan. Innerlich notiere ich mir, niemals ein gutes Wort über irgendetwas in diesem Gebäude zu verlieren.

In nervöser Anspannung vertilge ich meinen Kaiserschmarrn und trinke meinen Tee (Goldmännchen Apfelernte, der mit Abstand beste Tee in der Psychiatrie!). Ich bleibe gepresst zwischen Wand und Monstera. Gregor Samsa wachte eines Morgens als Käfer in seinem Bett auf. Ich wachte heute als Spinne im Irrenhaus auf und weiß nicht, wer oder was mich gleich fressen könnte.


Gen Mittag erscheint mein Mitbewohner. In seiner rechten Hand: Meine geblümte Kunstbasttasche mit neuer Kleidung, Handtuch, Duschbad. In seinen Augen: Tränen. Massenweise Tränen.

Oh mein Gott, was habe ich getan?

Suizid ist ein unweigerlich selbstsüchtiger Akt voller Bauernopfer. Soviel ist klar. Dann war das gestern ja auch noch eine Affekttat, gewissermaßen. Schludrig geplant habe ich also auch noch. Mein Kopf schnellt zurück zu der flüchtigen Notiz, die ich auf unserem Wohnzimmertisch hinterlassen habe:

Hey T., es tut mir leid, ich konnte einfach nicht mehr.

Seit fast zehn Jahren sind wir befreundet. Wir haben zusammen Frauengeschichten tabellarisch ausgewertet, Studienschwankungen durchgestanden, den diabolischen Wohnungsmarkt zusammen gewettert und unter Einfluss von verdammt viel Vita Brazil zu viel 90er-Eurodance gehört. Die Vengaboys sind unsere Zeugen. Nun liege ich in diesem ekligen Krankenhausbett in diesem ekligen Krankenhauszimmer und T. sitzt an meiner Bettkante, aufgelöster als Ahoj-Brause. Um seine verheulten Augen ist es so rot, als habe er Heuschnupfen. Wenn ich jetzt tot wäre – “Ich konnte einfach nicht mehr“? Das wäre es gewesen nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben?

Ich beginne umgehend, ebenfalls wieder zu heulen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen kann, mich für dieses Durcheinander zu entschuldigen.

“T. Es tut mir so leid. Ich hab nicht mal abgewaschen vorher.”

Und es stimmt. Jetzt, in diesem Moment, stapelt sich das Geschirr in Nachttischlampenhöhe in der designierten Geschirrecke unserer Küche.

T. stößt ein ungläubiges Halblachen aus und schließt mich in die Arme.

“Ach, ganz ehrlich, scheiß auf das blöde Geschirr. Ich bin so froh, dass du noch da bist. Und ich bin auch da, hörst du? Was auch immer ist, ich bin für dich da und wir kriegen das zusammen hin.”

Es gibt so Momente im Leben – da trennt sich die Spreu wirklich vom Weizen.


Schickt mir die Post schon ins Spital
Und schläfert Rico bitte ein
Sagt meinen Mädchen es war schön
Sie sollen sehr langsam traurig sein

Kein Haus am Land für mich, ohje
Ich weiß genau, dass du verstehst
Kein Haus am Land für mich, ohje

Ich will zum Himmel fahr'n
So schnell wie es geht
Ich will zum Himmel fahr'n
So schnell und bequem wie es geht

– Wanda, “Schickt mir die Post” (2014)


Der erste Tag ist fast überstanden. Ich habe mein Abendessen ( 1x Graubrot, 1x Käse, 1x Gurke, 1x Naturjoghurt) heruntergezwungen, obwohl in meinem Magen ein flaues Gefühl zwischen Scham und Anspannung hausiert. Meine Zimmernachbarin, mit der ich immer noch nicht geredet habe, ist noch im Esszimmer und ich kuschle mich mit Bro in der Armbeuge und einem Buch ins Bett. Sofern ein Krankenhausbett auf Rädern mit dauerhaftem Winkel und kalten, glatten Laken Kuschligkeit als Konzept zulässt.

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür. Wunderbar. Welches Überraschungselement versüßt mir jetzt den Abend? Pscht, schellt mich meine Selbstkontrolle, lächeln und höflich sein jetzt.

Das musst du noch mal durchhalten.

Herein kommt beschwingten Schrittes ein langer, zierlicher Pfleger, der meinen Blutdruck kontrollieren möchte. Während er mir das Messgerät anlegt, mustere ich ihn bemüht selig lächelnd bis in die blondierten Haarspitzen. Der junge Mann wirkt wahnsinnig schwul. Aber hey, Äußerlichkeiten sind Schall und Rauch.

“Joa, ein bisschen gesetzt, aber besser ein Tacken zu wenig als zu viel. Sie wirken auch sehr ruhig gerade.” Noch während er sich meine Werte auf seinem Klippbrettchen notiert, beginnt er, mit der anderen Hand an den Jalousien am großflächigen Fenster hinter mir rumzufummeln. “Wie geht es Ihnen mit dem Licht? Ist das in Ordnung so oder zu hell?”

Nun bin ich etwas aus dem Konzept. Meine Meinung war seit 72 Stunden nicht wirklich gefragt. “Öh, das geht, danke.”

“Und wie war es mit dem Essen heute? Haben Sie alles gut vertragen, so von der Konsistenz her? Wir haben leider begrenzt Möglichkeiten, an dem gelieferten Essen was zu machen, aber ich kann immer in der Küche schauen, was sich ändern lässt!”

Ist es denn die Möglichkeit? Hat etwa dieser Pfleger das schier undenkbare getan und einen Blick in meine Akte geworfen, die Diagnose ‘F84.1 Atypischer Autismus’ erspäht und sich tatsächlich damit auseinandergesetzt? Das wirft mich vollends aus der Bahn. Rührung machts sich in mir breit wie warmer Honig.

“Nee, war alles okay, danke, Geht schon, danke.”

Ich lüge. Es ist alles anstrengend. Mir ist schlecht. So schlecht. Angst, Angst, Angst. Was passiert als nächstes? Ein Vulkan bricht aus, aber der Vulkan ist in meinem Kopf und in meinem Bauch. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Hier will ich nicht sein, aber ich will auch nicht nach draußen. Draußen hassen mich alle. Mein Leben ist eine Lüge. Nichts ist real. Ich bin nirgendwo sicher.

Er wirft mir einen Blick zu, in dem ich eine Mischung aus Mahnung und Vertraulichkeit erahne. “Okay, aber Sie können wirklich sagen, wenn nicht. Es bringt uns nüscht, wenn Sie sich hier zu allem zwingen müssen.” Und dann wird sein Ton deutlich sanfter. “Wie geht es Ihnen jetzt gerade? Wie steht es mit der Suizidalität?”.

Einige Sekunden Stille. Ich kenne meine eigenen Antworten nicht. Mein Blick fällt auf Bros unbewegtes Stoffgesicht und ich wünschte, die Worte würden aus seinen Lippen purzeln. Leider habe ich ihm aber nur einen sehr soliden Strich als Mund genäht. Seine Filzaugen gaffen leer zurück.

“Ich denke, ich bin wieder einigermaßen okay”, erwidere ich schließlich zögerlich, “Gerade will ich nicht sterben. Ich hatte immer viel Angst, hier zu landen. Aber gerade ist es gar nicht so schlimm, wie ich immer befürchtet habe.” Kurze Pause. “Außer die Bettwäsche. Die ist genau so unangenehm, wie ich angenommen habe.”. Ich ernte ein Schmunzeln.

“Das ist schön zu hören. Abgesehen von der Bettwäsche. Nehmen Sie sich hier die Zeit, ein bisschen runterzukommen. Und wenn irgendetwas ist oder es Ihnen schlechter geht – Sie können immer nach uns rufen oder vorn zum Dienstzimmer. Diese Woche bin ich immer bis Abends um Neun da.”

Ich nicke. Im zum Niederknien schön hässlichen Plattenbau gegenüber, der ausgiebig von Rankpflanzen bewuchert ist, spiegelt sich das lodernde Mandarin der untergehenden Abendsonne. Es muss spät sein.

“Jetzt bin ich aber doch neugierig,” setzt der Pfleger an und ich höre für einen Moment Peter Falk als Columbo an seiner Stelle, “Was lesen Sie gerade?”

“Eine Biografie über den argentinischen Autor Manuel Puig. Der hat den Roman ‘Der Kuss der Spinnenfrau’ geschrieben. Handelt von einem Schwulen und einem Kommunisten, die sich gegenseitig im Knast Geschichten erzählen.”

Wie erwartet schaut der Pfleger auf diese Info etwas ratlos drein. “Aha, spannend. Na ja, ich sag ja immer: Für seine Sexualität kann niemand was, ebenso wenig wie für sein Nervensystem.”

Er hat in meine Akte geschaut! Mein gebrochenes Vertrauen in das Gesundheitssystem wird zum schönen Schmetterling, der glitzernden Flügels abhebt und zur Platte gegenüber flattert.

“Wissen Sie, was mein Lieblingsbuch ist? ‘Interview mit einem Vampir’.”

Und so klärt sich ein weiteres Mysterium des Abends. Nie und nimmer ist der Anne Rice-Enthusiast im mintfarbenen Kasack vor mir heterosexuell.


T. war so gut, mir auch noch mein Federmäppchen einzupacken, damit ich mich in dieser Misere wenigstens kreativ ausleben kann. As ich es öffne, blitzt mir angriffslustig ein Zirkel entgegen.

Ich trippel den Gang herunter zum Dienstzimmer und klopfe an die Scheibe; Der lauchige Pfleger wird auf mich aufmerksam. Unverzüglich reiche ich ihm den Zirkel.

“Hier, das war noch in der Tasche mit drin, die mein Mitbewohner mitgebracht hat. Nicht, dass Sie denken, ich bunkere hier Waffen.”

“Ah ja!”, entgegnet der Pfleger sonnig und so gar nicht eingeschüchtert, “Das verwahren wir, vielen Dank.”

Ich gehe zurück ins Bett, voller Enttäuschung darüber, dass ich anscheinend nicht zu den brandgefährlichen Fällen zähle.


Der Strahl einer Taschenlampe bricht in das Dunkel des Krankenzimmers. Jede halbe Stunde leuchtet der Nachtdienst, ob sich gerade jemand mit Klopapier erhängt, mit einem Kulli erdolcht oder mit Puzzleteilen erstickt. Er trifft auf meine bis zum Anschlag aufgerissenen Augen. Die Pflegerin ist sofort alarmiert.

“Ist alles in Ordnung bei Ihnen?” flüstert sie, um meine schnarchende Zimmergenossin nicht zu wecken.

“Nein”, antworte ich im Überfluss, denn ich sitze kerzengerade auf meinem Bett und zittere wie eine überzüchtete Art von Kleinhund. “Ich habe Angst.”. Jawohl, die habe ich. Es fühlt sich an, als könnte im Schutze der Nacht jeden Moment ein Fallbeil auf mich herunterschnellen.

“Einen Moment. Ich schaue mal, ob ich die Dienstärztin wegen Medikamenten erreiche.”

Fünf Minuten später kehrt die Pflegerin zurück – eine Tasse frisch aufgebrühten Tee balancierend. Der Dampf tänzelt im Licht der spaltoffenen Tür.

“Es tut mir so leid,” haucht sie, während sie das Gefäß behutsam auf meinem Nachttisch platziert, “Die Ärztin war nicht zu sprechen und in Ihrer Akte ist noch kein Medikationsplan. Ich habe Ihnen einen Beruhigungstee gemacht. Bitte sagen Sie Bescheid, wenn es nicht besser wird.”

Sie ist so lieb, dass ich sofort wieder das Bedürfnis habe, loszuweinen. Ihr Gesicht erkenne ich in der Dunkelheit nicht, aber ich werde in den kommenden Monaten ihre Stimme hören in den Nächten, die so schlimm sind wie diese. Nächte, in denen das Fallbeil mir droht und mich die Panik heimsucht. Nächte, von denen es viele geben wird.

Ich habe Ihnen einen Beruhigungstee gemacht.


Am nächsten Morgen erhalte ich meinen Therapieplan, der mir stündlich vorschreibt, wann ich mich in welchem Zimmer von mir selbst ablenken kann. Außerdem bekomme ich das Antipsychotikum Quetiapin verschrieben. Das Medikament hilft für eine Weile, mich tagsüber zu beruhigen. Nachts bleibt der Terror. Ich kann damit leben, dass Quetiapin meine Libido vollständig ausradiert – immerhin ist die vermeintliche Liebe meines Lebens passé und körperliche und emotionale Nähe ertrage ich eh nicht mehr.

Aber die kompakten weißen Pillchen machen mich tatsächlich so müde, dass ich nach achtundzwanzig Jahren anfange, Kaffee zu trinken. Erst eine Tasse morgens, dann brauche ich zwei, dann vier. Und bleibe müde.

Nach vier Monaten setze ich das Medikament wieder ab, genieße mein Leid im Wachzustand und nur noch eine Tasse Kaffee am Morgen. Mit Milch.


Apotheken-Umschau: Quetiapin

“Der Wirkstoff hat eine antipsychotische und sedierende Wirkung. Die Wirkstoffgruppe der atypischen Neuroleptika, zu denen Quetiapin gehört, dämpft psychomotorische Erregungszustände und verringert Spannungen, Wahn, Halluzinationen, Denkstörungen und Ich-Störungen. Zusätzlich werden z. B. die Erregbarkeit und die Stimmungslage günstig beeinflusst.”

Nebenwirkungen sind unerwünschte Wirkungen, die bei bestimmungsgemäßer Anwendung des Arzneimittels auftreten können.Welche unerwünschten Wirkungen können auftreten?

Verringerter Hämoglobinwer, Anstieg der Blutfettwerte (Cholesterin, Serumtriglyceride), Gewichtszunahme, Schwindel, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Störungen der unbewussten Bewegungsabläufe mit Zittern, evtl. Fallneigung, Mundtrockenheit, Absetzsymptome beim Beenden der Behandlung, Veränderung des Blutbildes, erhöhter Plasmaprolaktinspiegel, Veränderung der Schilddrüsenhormonwerte, gesteigerter Appetit, Erhöhung des Blutzuckerspiegels, anomale Träume/Albträume, Selbstmordgedanken/-verhalten, Sprachstörungen, Pulsbeschleunigung, Herzklopfen, verschwommenes Sehen, Kreislaufstörungen aufgrund niedrigen Blutdrucks, Anfälle von Atemnot, Verstopfung, Magen-Darm-Beschwerden, Erbrechen, Veränderung der Leber- und Gallenwerte, allgemeine Schwäche, Wassereinlagerungen, Reizbarkeit, Fieber, immunologische Überempfindlichkeit, allergische Hautreaktionen, Schilddrüsenunterfunktion, Natriummangel, Entwicklung oder Verschlechterung einer Zuckerkrankheit, Krampfanfälle, Restless Legs-Syndrom, Bewegungsstörungen, Ohnmachtsanfall, Abweichungen im EKG, Pulserniedrigung, Schnupfen, Schluckstörungen, Harnverhalt, sexuelle Funktionsstörungen, Übermäßige Bewegungsaktivität im Gesichtsbereich, Symptome beim plötzlichen Absetzen des Medikamentes, Verwirrtheit.


“Ich bin übrigens Sabine.”

Sabine ist meine bis dato schweigsame, schläfrige Zimmernachbarin. Sabine ist klein. Sabine ist dick. Sabine hat einen braunen Igelhaarschnitt, der nach Eigenregie aussieht, und ein verknolltes Gesicht. Sabine könnte alles zwischen Fünfunddreißig und Fünfundfünfzig sein, denn Sabine ist offensichtlich arm. Und Sabine war auch offensichtlich immer schon arm. In ihrem Bett ruht ein vergilbtes, heißgeliebtes, billiges Stofftier mit viel zu großen Plastikaugen, das ich mit dem Merk meiner viel zu kleinen echten Augen auf 90er-Jahre-Fabrikation schätzen würde. Um ihr Rollbett hat Sabine mindestens vier große Taschen drapiert, aus denen wild Besitztümer herausragen. Es ist das klammern an alles Habhafte der Armut und gleichzeitig die immerwährende Reisefertigkeit eines Psychiatrie-Stammgastes. Ebenso wie der Remo mit der Brille erfährt Sabine sicher diese Station im Drehtür-System.

“Zoe.”.Ich nicke und lächle bemüht, mein Buch an meinen angezogenen Knien performativ aufgeklappt. Eigentlich ist es nicht besonders spannend und eigentlich kann ich mich gar nicht konzentrieren, aber der kommende Kennenlern-Smalltalk muss doch irgendwie zu umschiffen sein.

Aber Sabine lässt mir keine Chance. Sie hat entschieden, dass sie hier und jetzt die alte Häsin gibt, um mit mir anzubandeln. Dafür wählt sie auch wieder so eine klassische Knastfrage:

“Und, warum bist du hier?”
“Ich wollte mich umbringen.”
“Ah, willkommen im Club”, sagt Sabine hocherfreut und reckt ihr rechtes Ärmchen in die Höhe. Ein dicker Verband reicht vom Ellenbogen bis zum Handballen. “Borderline”, fügt sie noch erklärend hinzu, als ob mir das alles erklären würde, als ob wir Knackis ja wissen, wie das mit dem Borderline so ist, ob man’s nun selber hat oder nicht.
“Das ist mies.”, erwidere ich ressourcenlos.
“Ja, bin auch nicht das erste Mal hier.”
Oh Sabine, ich weiß.

Da nun das erste Eis gebrochen ist, werde ich von einem Feuerwerk an Ratschlägen bespielt.

“Wasch am Besten deine Wäsche nur einmal die Woche, dann blockierst du den Wäscheraum nicht und gehst den Pflegern nicht auf die Nerven. Und dann kriegst du eher Ausgang.”

“Ich kann dir nur raten, deinen Schrank immer abzuschließen. Hier wird geklaut. Trag den Schlüssel besser immer bei dir.”

“Am Donnerstag ist immer Visite. Da hab auch ich noch Bammel vor, weil da der Chefarzt mit nem Haufen Ärzte um dich rumsteht und dir so Fragen stellt, aber je offener du bist, desto besser wird’s für dich”

“Manche Leute nehmen das Essen mit aufs Zimmer. Mach das nicht so, geh immer ins Speisezimmer. Das haben die Pfleger lieber. Das Essen ist nicht das Wahre, aber beschwer dich besser nich. Das haben die Pfleger auch lieber.”

“Hast du schon deinen Therapieplan?”

Ich nicke, hilf- und wehrlos, harrend, was für eine Binsenweisheit Sabine mir nun auftischt.
“Mach alles so gut wie’s geht mit. Geh immer zu allem hin. Je mehr du machst, desto schneller geht’s dir besser.”
Mit diesem Satz rollt Sabine sich zurück in ihr Bett, das Gesicht direkt zur Wand. Im Nu höre ich nur noch ihr Schnarchen.

Ihre Worte zeigen dennoch Wirkung. Ich werfe einen Blick auf meinen Plan, dann auf mein Handy. 12:30 Uhr. Kreatives Gestalten. Wenn ich jetzt langsam losmache, kann ich schlendern. Ich schlendere an unserem gemeinsamen Zimmertischchen vorbei und erspähe Sabines Therapieplan. 12:30 Uhr. Kreatives Gestalten. Das besucht sie höchstens in ihren Träumen.

Im Rausgehen verschließe ich sorgsam meinen Schrank und stecke den Schlüssel ein. This one’s for you, Sabine.


“Mensch, Frau R.!”

Der Kunsttherapeut hält den Papierbogen, den ich vollgekritzelt habe, für meinen Geschmack mit einem Tacken zu viel aufgesetzten Elan hoch. Er ist geschätzt Mitte 30, dunkelblonder Vokuhila mit Undercut, legere Hornbrille, Jutebeutel über der Arztkittelschulter. Sein nächster Satz könnte vorhersehbarer nicht sein.

“Wissen Sie, was Sie machen sollten? Gehen Sie nach Berlin und werden Sie Tätowiererin! Die Leute würden Ihnen richtig Kohle für so was bezahlen.”

Die einzige Möglichkeit, wie mein Leben noch schlimmer werden kann, ist, Tätowiererin in Berlin zu werden, denke ich bei mir. Frei nach Felix Brummer et al. – Ich will nicht nach Berlin.

Ein kleines Grüppchen meiner ohnehin kreativ etwas demotivierten Mitpatienten und Mitpatientinnen schart sich um uns. Was sie zu sehen bekommen, kann als Standard in meinem Repertoire gelten: Eine junge Frau im gestreiften Rock und mit wehender Bluse macht sich vom einen Bildrand zum anderen auf, eine Einkaufstüte in der vordergründigen Hand. Aus der Einkaufstüte schaut Porree, aus dem Kragen ihrer Bluse schaut die Blüte einer Strelitzie.

Würde ich länger bleiben, täte ich es meinen Mitpatientinnen gleich und würde einen kompakten Bastkorb flechten. Man muss ja schließlich das Standardprogramm einer jeden psychiatrischen Einrichtung auf deutschem Boden mitgemacht haben. Von der Charité bis Arnsberg-Nehein – geschundene Seelen heilen am besten, wenn Sie beschäftigt werden, und nichts beschäftigt so gut wie das Erlernen diversester Flechtmuster und Abschlüsse, um am Ende was zu haben, worin man seine Zwiebeln lagern kann.

Um in kurzer Zeit etwas gleichwertig Wertiges zu produzieren, habe ich gleich mehrere meiner Bildchen gemalt. Immer Figuren in Alltagspositionen, vereint darin, dass sie eine Blume als Kopf haben. In besseren Zeiten hatte ich eine ganze Ausstellung in einer verrauchten Studibar mit dem Sujet.

Die Meute löst sich so schnell wieder auf, wie sie sich gebildet hat. Der Therapeut rückt seine Brille zurecht und blättert zwischen der Streliziendame und einer Primel im Anorak hin und her.

“Sagen se mal, Frau R., würden Sie das stiften? Auf der Station hängen schon seit zig Jahren die selben Mandalas, die kommen den Pflegern zu den Ohren raus.”

“Sicher”, entgegne ich leidenschaftslos, “Von der Sorte habe ich noch Dutzende zuhause rumliegen.”

Heute Dresden Friedrichsstadt, morgen die Sammlung Prinzhorn!


Sächsisches Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz

§ 2 Grundsätze

(1) Bei allen Hilfen und Schutzmaßnahmen aufgrund dieses Gesetzes ist auf die individuelle Situation der Menschen mit psychischen Erkrankungen besondere Rücksicht zu nehmen. Ihre Würde ist zu achten. Ihr Wille ist zu achten, soweit dieses Gesetz dies nicht einschränkt.

(2) Bei der Ausgestaltung der Hilfen, der Schutzmaßnahmen und des Vollzugs der Maßregel ist die Vielfalt der Lebensumstände, insbesondere die kulturelle und soziale Lebenssituation, angemessen zu berücksichtigen. Auf die Barrierefreiheit, insbesondere auf barrierefreie Kommunikation, ist zu achten.

(3) Der Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist insbesondere durch Transparenz und Aufklärung entgegenzuwirken.

(4) Alle Leistungserbringer von Hilfen und alle Einrichtungen, bei denen Menschen mit psychischen Erkrankungen wohnen, betreut werden oder untergebracht sind oder bei denen die Maßregel vollzogen wird, tragen dafür Sorge, dass die Menschen mit psychischen Erkrankungen und insbesondere die Menschen mit seelischer Behinderung vor jeglicher Form von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch geschützt werden. Sie sind insbesondere verpflichtet, Gewaltschutzkonzepte, die auch die Beschäftigten mit einbeziehen, zu erstellen und umzusetzen. Für die Aufgaben nach den Sätzen 1 und 2 ist in jeder Einrichtung eine verantwortliche Person zu benennen.


Die Sportpsychologin spielt uns eine halbe Stunde tibetanische Chöre vor und zeigt uns Dehnübungen, bei denen wir bewusst atmen sollen. Anschließend fragt sie reihum, ob alle jetzt entspannter sind. Der Bäcker, der auf dieser Station versucht, clean zu werden, sagt ja. Die tätowierte Mitpatientin mit Brille, die solange hier ist wie ich, sagt ja.

“Ich war selten in meinem Leben so unentspannt.”, sage ich.

“Ist auch nicht für jeden was”, räumt die Sporttherapeutin ein, “Wenn das so bleibt, überlegen wir uns etwas anderes für Sie”

Ich grüble, welche Karten ich ausspielen muss, um in die Gartentherapiegruppe zu kommen.


Mein Bircher Müsli, das eher kaltem Haferschleim gleicht, lacht mich jeden Tag aufs Neue an. Ich lache nicht zurück. Meine Bemühungen, mich hinter der Monstera zu verstecken und mich nicht unnötig zu fraternisieren, werden meistens honoriert. Heute setzt sich ein muskulöser junger Mann zu mir, den alle unsere Mitpatienten und Mitpatientinnen “den schwarzen Mann” nennen. Weil er schwarz ist. Er trägt außerdem außschließlich hautenge Tank Tops und ist mit der schwer Heroinabhängigen von der geschlossenen Station unter uns befreundet. Wo auch immer die Hackordnung in diesem Knastfilmchenszenario aushängt, er befindet sich gewiss am obersten Ende.

Er: Schlange. Ich: Kaninchen.

Neugierig mustert er meinen Teller. Die Meisten hier, ihm inklusive, waren pfiffig genug, beim ankreuzbaren Speiseplan Brötchen mit Aufstrich und Kakao zu wählen. Die Hafer-Nuss-Frucht-Pampe? Ein Novuum.

“Schmeckt das?”, fragt er schließlich.

Ich zucke mit den Schultern. “Weiß nicht. Ist geschmacklich ganz okay, aber die Konsistenz ist ziemlich dubious.”

Er nickt scheinbar verständnisvoll und setzt dazu an, genüsslich in sein Mortadellabrötchen zu beißen. “Der Hunger treibt’s rein!”

Das bleibt das volle Ausmaß unseres Gesprächs. Bis ich zum Geschirrwagen gehe, mein Tablett klemmt und ich zwei Minuten an dem geräderten Kasten hantiere wie das dumme Aas, das ich bin. Der Muskelmann erscheint hinter mir, windet seinen Arm zu meinem Tablett und rückt es mit einer einzigen lockeren Bewegung genau in die richtige Bahn. Während ich ihn mit Augen anschaue, die die Größe der meisten Untertassen in diesem Wägelchen haben dürften, nickt er mir stumm zu und verschwindet klatschenden Schrittes auf seinen Adidasschlappen den Gang runter.

Er: Kaninchen. Ich: Pfeife.


Wie eine Getriebene hantiere ich mit 10-Kilo-Gewichten und schnelle für unzählige Sit-Ups hin und her wie der Zeiger eines Metronoms. Nach den nächsten dreißig Squads ist meine Machtlosigkeit bestimmt weg! Wenn ich nur schnell genug strample, hört die ganze Panik und all diese Wut gewiss auf!!

In einem schockierenden Twist erreiche ich im Kraftsport nichts dergleichen; Lediglich einen biblischen Krampf im Gesäß ernte ich für meine Mühen. Die Sporttherapeutin verhindert durch abschließende Dehnübungen mit der gesamten Truppe Schlimmeres. Wir folgen ihren Anweisungen artig, die Arme ausgestreckt wie müde Propeller.

Ein Mitpatient, der sich ungerechtfertigt hier inhaftiert fühlt (seine wahnhaften Monologe halten dagegen) verfängt sich in der Kletterwand.


Nach einem frühmorgendlichen Boulespiel (lieben wir!) fragt die Sporttherapeutin alle in der Gruppe, wann sie sich das letzte Mal schön bewegt haben. Die Frau kann nicht ahnen, was sie damit lostritt.

“Joa, ich war gestern spazieren an diesen hübschen Blumenbüschen vorm Gebäude. Die Blauen. So blau-lila. Flieder ist das, glaub ich.”, erzählt der Bäcker, der jetzt fast offiziell clean ist. Man merkt ihm an, dass er vor ein paar Wochen noch lieber gestorben wäre, als zuzugeben, wie sehr er sich an ein paar Blümchen erfreut. Zeiten ändern dich.

“Neeee, dit is jestimmt Rhododendron oder so”, schaltet sich der wahnhafte Dauernörgler ein, “Wenn’s blau is, hat meene Sandra so wit auch im Jarten.”

“Hää?? Das is doch kein Rhododendron!” – der optisch Sechzehnjährige, der ebenfalls auf Entzug hier ist. Ich bin mir sehr sicher, dass er keine Ahnung hat, wie Rhododendron aussieht. Und wo wir davon reden – ich auch nicht.

“Ne, das ist kein Rhododendron. Ich glaub, es ist wirklich Flieder” – die Tätowierte mit der Brille.

“Das ist auf keinen Fall Flieder, der hat kleinere Blüten und wächst in Trauben, nicht in Ballen”, sage ich und ernte irritierte Blicke.

“Und was ist es dann?” – der Bäcker.

“Mir fällt der Name nicht ein.” Ich suche vergebens nach dem Wort “Hortensien”, habe aber Recht. Somit ist die Wahrheit auf meiner Seite, die Gruppenstimmung aber nicht. Die denken wohl, ich spiele mich mit botanischen Phantomen auf. Oder sehe eine Flora Morgana.

“Ich bleib bei Flieder”, sagt die Tätowierte mit Brille, der Bäcker nickt, der optisch Sechzehnjährige auch.
“Ick bleeb bei Rhododendron.”
“Die Blumen sind aber wirklich schön.”, erstickt dei Sporttherapeutin diesen hitzigen Disput.

Wenn die großen Probleme unlösbar scheinen, findet man Zuflucht bei den Kleinen.


Am Nachmittag statte ich den Hortensien, dem corpus delicti, einen Besuch ab. Mit mir bringe ich einen gigantischen Schokokeks, den ich infamerweise außerspeiseplanlich im Krankenhauscafé erworben habe. Die Sonnenstrahlen holen das Maximum aus den elektrisch bläulichen Blüten und zum ersten Mal seit Wochen habe ich das Gefühl, dass heute wirklich ein fast schon ganz netter Tag ist.

Ich strecke meine nach wie vor verkrampften Beine von einer Bank, auf der ein Sticker prangt:

Schön hier. Aber waren Sie schon mal in der Klapse?


Zwischen Sabine und mir hat sich eine gewisse Domestizität entwickelt. Es ist schon dunkel und wir sitzen beide für uns in unseren Betten, die Nachtlichter angeknipst. Wir schrappen nah an der 22-Uhr-Licht-aus-Grenze. Aber das soll uns heute nicht kümmern, denn es ist kreativer Drive im Zimmer 232!

Ich habe mich entschlossen, noch ein paar meiner Pflanzenmenschen für die mental geschädigte Nachwelt zu produzieren. Sabine steht hingegen nicht vor einem Alltagsprojekt, sondern vor ihrem Magnum Opus: Sie hat sich vorgenommen, im kreativen Gestalten ein Lederarmband anzufertigen. Ich traue mich nicht zu fragen, ob sie einfach generell Lederarmbänder mag oder ihren mumifizierten Arm damit verschönern möchte.

Der Raum ist erfüllt von einer eigentümlichen Form des Friedens und Sabines hektischem Gekritzel. Nichts scheint sie so recht zufriedenzustellen. In einer Endlosschleife zeht sie ungelenke Bleistiftstriche auf ihrem Papierbogen, drückt zu sehr auf, radiert hektisch, flucht leise vor sich her und haut sich ab und an etwas gegen ihren Kopf. Ihr Kernproblem scheint zu sein, dass sie für ihren Entwurf keine geraden Linien produzieren kann. Ich fische ein Lineal aus meinem Federmäppchen und biete es ihr stumm lächelnd an.

“Ach, danke dir. Mannomann, ich krieg das einfach nicht hin. Ich bin da wohl einfach zu dämlich für.”, sagt Sabine traurig lächelnd und schafft es kaum, mir in die Augen zu schauen.

Ich schaue Leuten ungern in die Augen, weil sich das für mich anfühlt wie Achterbahnfahren im Abwärtsgang; Sabine schaut Leuten ungern in die Augen, weil sie wie ein geprügelter Hund davon ausgeht, gleich eine verpasst zu bekommen. Nach unseren anfänglichen kommunikativen Leerstellen ist mir mittlerweile aufgefallen, dass Sabine unglaublich viel quatschen kann, wenn sie warm ist. Mir ist auch aufgefallen, dass Sabine meistens darüber quatscht, wie schlecht sie sich findet.

“Ich sag dir, der scheiß Kunsttherapeut hat es auf mich abgesehen. Ich hab dem schon drei Entwürfe gemacht – immer falsch, wenn’s nach ihm geht!”

Auch das hat Sabine drauf – das typisch-psychiatrische Herunterputzen vom System und seinen Vertreter:innen. Hier auf Station wittern alle zu jeder Zeit eine persönliche Verschwörung gegen sie. Ich denke an die letzte Stunde kreatives Gestalten zurück und wäre vermutlich auch genervt gewesen von einer Patientin wie Sabine, die mit Tatendrang Materialien sammelt und dann einfach nicht zum Umsetzen ihrer eigenen Agenda kommt. Auf der anderen Seite – mir ist nicht entgangen, dass der Ton vom Kunsttherapeuten Sabine gegenüber deutlich rüder ist als mir gegenüber.

De facto haben die Patient:innen, die am meisten meckern, viel gemeinsam: Leben in Armut, geringe Bildungsabschlüsse, wenig Perspektive, eine lange Historie an Klinikaufenthalten, Selbstverletzung, Alkoholmissbrauch und ein unbändiges Bedürfnis, mit all ihrem Elend gehört zu werden. Wenn es mir gerade nicht so furchtbar ginge, hätte ich hier eine tolle Zeit. Das Klinikpersonal ist reizend zu mir. Mir schwant aber, dass das nicht nur daran liegt, dass ich auch reizend zu ihnen bin, sondern weil ich nicht ganz so bin wie die Durchschnittspatientin hier: Gehobener Mittelstand, studiert, höflich, in meinen Bedarfen nicht so schwierig und in meinem Gebären unkompliziert. Aber ist die Psychiatrie nicht für’s kompliziert sein da?

“Der hat dich glaub ich nicht ultra auf dem Kieker, Sabine. Der will nur, dass du dir vorher einen guten Plan machst, damit die eigentliche Arbeit hinterher leicht für dich ist.”, offeriere ich.

Sabine kichert traurig und lässt die Schultern hängen. “Nee, da bin ich zu dämlich für sowas. Das war schon immer mein Problem. Ich krieg einfach nichts gebacken.”

Gern würde ich Sabine etwas sagen, was sie sofort davon überzeugt, dass sie ein feiner Mensch ist. Denn das ist sie, hinter all dem Selbsthass und Geklette, sobald ihr jemand Aufmerksamkeit schenkt. Leider sind wir hier aber alle doch letztendlich gleich. Ich weiß, dass es zwecklos wäre, Sabine gut zuzureden.

Denn es gäbe gerade auch nichts, was man mir sagen könnte, um mich davon zu überzeugen, dass ich etwas wert bin.

“Ich bin mir sehr sicher, dass das mit dem Lederband was wird.”

Hier flunkere ich. Aber wünschen tu ich es mir für Sabine trotzdem.


Also wenn du wie ein Mensch 2ter Klasse behandelt werden möchtest und der Hybris von fragwürdigen Pflegepersonal hilflos ausgeliefert, dann ist dies dein Place to be.

– Google-Rezension von Philipp zur psychiatrischen Station B81 in Friedrichsstadt, 2025. Philipp vergab einen Stern.


Die Korbflechter:innen und die graphischen Künstler:innen haben festgestellt, dass sie nicht in friedlicher Coexistenz kreativ werden können. Also sind wir, die mit Stift und Papier, in die Tonwerkstatt gezogen. Der Kunsttherapeut, der nach wie vor einem Klischeegag über Hipster aus Dresden Neustadt entflohen zu sein scheint, dreht seine Runden und ist merkbar angestrengt, die schöpferische Energie seiner Schafe in die richtigen Bahnen zu lenken.

Der Mitpatient mir gegenüber zeichnet akribisch genau und mit winzigen Schrichen ein Häusle mit Zypresse, das gewiss dutzendfach so in der Toskana live und in Farbe zu finden ist. Er ist etwa zur Hälfte fertig, gerade genug, um das Motiv zu erkennen. Bei der Geschwindigkeit, in der er arbeitet, wird er Wochen gebraucht haben.

Der Kunsttherapeut zupft ihm das Bild unter den Händen weg und gibt einen anerkennenden Pfiff von sich. “Na also, Herr M! Mühsam ernährt sich die Haselmaus.”

Ja, denke ich bei mir, und die Haselmaus sind wir.


Die Visite

Ein deutsches Trauerspiel in einem Akt

dramatis peronae:

DR. J.: Der behandelte Chefarzt der psychiatrischen Station

Z.R.: Die Patientin

DIE LEHRLINGE: Sieben angehende Ärzt:innen

_

Der Behandlungsraum. Auftritt Z.R.
DR. J. Ah, Frau R., setzen Sie sich doch bitte
Er weist auf einen Stuhl direkt vor sich. DIE LEHRLINGE schreiben stumm auf Klippbrettern mit

Z.R. nimmt sichtlich nervös Platz.
DR. J. Also, wie geht es Ihnen zurzeit?
Z.R.Ich weiß nicht…nicht gut. Aber nicht so schlecht wie Montag.
DR. J.Mhm. Spüren Sie schon etwas vom Quetiapin? Im Schlafverhalten, zum Beispiel?
Z.R.Nein.
DR. J.Nein?
Z.R.Nein.
DIE LEHRLINGE beginnen, schneller zu notieren.
DR. J. Dann haben Sie zumindest keine Nebenwirkungen. Den eigentlichen Effekt des Medikaments sieht man auch erst nach in der Regel zwei Wochen.
Z.R.Ich bleibe keine zwei Wochen.
DR. J. Niemand hat gesagt, dass Sie das müssen; Sie sind freiwillig hier und können sich jederzeit entlassen.
Z.R.Ich kann keine zwei Wochen bleiben. Ich habe nächste Woche eine mündliche Prüfung.
DR. J. Und an der wollen Sie unbedingt teilnehmen?
Z.R. zuckt kraftlos mit den Schultern
DR. J. Ist es eine wichtige Prüfung?
Z.R.Es geht; Ich möchte nur nicht, dass das hier mich zurückwirft. Wenn ich die Prüfung nicht ablege, muss ich das Modul wiederholen und ein Semester länger studieren.
DR. J. Mhm. Wie sind Ihre derzeitigen Gedanken zu der Studierendengruppe? Sehen Sie für sich einen Weg zurück oder eine Lösung für den Konflikt?
Z.R. schweigt. Pause. Kopfschütteln.
DR. J. Bestehen weiterhin Suizidgedanken?
Z.R.Nein. Ich bin nicht gut darin, mich umzubringen.
DR. J. Das ist kein schlechter Anfang. Ich empfehle Ihnen dennoch, so bald wie möglich eine Auszeit zu nehmen. Suchen Sie sich eine Tagesklinik. Verarbeiten Sie das Erlebte. In der Zwischenzeit nehmen Sie weiterhin Quetiapin und Eisen und werden beim Hausarzt vorstellig. Sie sind, so wie ich das sehe, therapeutisch angebunden bei einem Dr. H.?
Z.R. nickt.
DR. J. Dann besprechen Sie ihr weiteres Vorgehen mit Dr. H. Er wird Ihnen Empfehlungen für Kliniken geben.
Z.R.Wann kann ich nach Hause?
DR. J. Nicht vor morgen Mittag, wir müssen noch Ihren Abschlussbericht schreiben. Brauchen Sie bis dahin eine Ausgangsgenemigung, zum Einkaufen zum Beispiel?
Z.R.Nein, danke.
DR. J. In Ordnung; Dann haben Sie Freizeit für heute. Alles Gute für Sie.
Z.R.Danke.
DR. J. Und viel Erfolg bei der Prüfung.
Z.R.Danke.
Exit Z.R.

DR. J. geht zu einem Aktenschrank und öffnet ihn.
DR. J.Wer möchte ein Eis?
DIE LEHRLINGE scharen sich um den Schrank. Alle bekommen ihr Eis.
DR. J.Diese Irren würde ich ohne Langnese-Eiscreme gar nicht mehr ertragen.
Der Vorhang schließt sich. Was bleibt, ist das Knuspergeräusch einer Eiswaffel.

Ein einziges Bild auf salbeigrünem Papier zeichne ich noch in der Psychiatrie – eine Dreiergruppe (Sonnenblume, Margerite, Stiefmütterchen à la ‘Le déjeuner sur l’herbe‘). Es wird das letzte Werk seiner Art sein.

Danach verlege ich mich auf naive Blumenarrangements in buntem Acryl. Kurz nach meiner Entlassung bestellt eine Arbeitskollegin eine Bergszenerie mit Vase bei mir und entlohnt mich mit 50 Euro. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben fühle ich mich als Künstlerin. Nicht, weil ich Geld für ein Bild bekommen habe, sondern weil ich mit diesem Geld meine Liegegebühr für die Psychiatrie bezahle.

Näher ist Van Gogh nicht zu kommen.


“Gute Besserung. Hoffentlich kommst du nicht wieder.”, gibt Sabine mir noch mit auf den Weg. Dann schlürft sie zurück ins Bett. Ihre Zuversicht reicht nur für mich, nicht für sich selbst.

Niemand sagt mir, was genau ich jetzt tun soll und wie es weitergeht. Ich sitze eine halbe Stunde im Speiseraum auf gepackten Taschen, natürlich neben der Monstera. In der Zeit wird mein Bett neu bezogen und eine ältere, demente Dame zieht ein. Ich warte weiter. Schließlich klopfe ich im Pflegezimmer an.

“Entschuldigung, ich soll entlassen werden? Jetzt? Denke ich?”

Der dort harrende und Formulare ausfüllende Pfleger (es ist leider nicht mein Freund, der schwule Vampirfan) blickt zu mir auf, ist irritiert, wirkt gestresst. Jaja, murmelt er, Moment, ich schau mal. Er verschwindet gen Fernsehraum und kommt fünf Minuten später mit einem lose zusammengehefteten Stäpelchen an Papier zurück. Meine Entlassungspapiere. Dann zieht er eine Schublade heraus, kramt in ihr und wird fündig.

Ich bekomme das Obstmesser, mit dem ich mir vor vier Tagen auf meiner Lieblingslesebank an der Wildwiese gegenüber vom Heizkraftwerk die Pulsadern aufschneiden wollte, zurück. Einfach so. Zumindest ist es dick mit elastischem Tape umwickelt. Kosher kommt mir das dennoch nicht vor. Und überhaupt – soll ich damit jetzt einfach wieder meine Pfirsiche und Birnen schnippeln?

Crazy, denke ich bei mir, und während ich vor der Klinik auf meine Straßenbahn warte, singt Kim Frank von Echt in meinem Kopf das Cover von “Junimond”. Es ist vorbei, bei bei bei… und das ist es wirklich. Es ist, als überschreite ich gerade die Schwelle von einem Fiebertraum zurück in ein Leben, das meins sein sollte, sich aber nicht wie meins anfühlt.

Die 10 Richtung Tolkewitz macht Halt und trägt mich behäbig von dannen. Auf ins Ungewisse. Ich werfe einen letzten Blick auf die Tore vom Krankenhaus Dresden Friedrichsstadt, mit seinen im Wind wabernden Kastanienbäumen.

Für einen wochenlangen Augenblick war ich einfach mal hier und verrückt.



Zur Therapie gehe ich. In die Tagesklinik nicht. Eine Woche nach meinem Abstecher in die Psychiatrie lege ich die mündliche Prüfung ab, die ich mir nicht entgehen lassen wollte.

“Würde ich insgesamt mit einer 1.3 bewerten”, sagt der Prüfer zum Schluss, “Hier und da etwas oberflächlich, aber im Wesentlichen sehr gut.”.

Ich höre ihn kaum und kann noch weniger verarbeiten, dass ich wirklich in diesem Raum sitze. Das Fakultätsgebäude ist zehn Gehminuten von dem Büro der Studierendengruppe entfernt. Zehn Minuten in die andere Richtung wohnt der Typ, mit dem ich mehr als nur die Leidenschaft zur Gruppe geteilt habe. Zu haben glaubte.

Ich übergebe mich fast auf der Toilette, starre fünf Minuten in den Spiegel über dem Waschbecken. Meine Augen sind rot unterlaufen, meine Haut ist pickelig und fahl. Schön scheiße sehe ich aus, aber ich habe auch nichts mehr, wofür ich schön sein will. Ich überlege, einen Umweg zu meinem Bus zu nehmen, entscheide mich dann aber dagegen.

Es ist ein betulicher Spätsommermorgen von sanfter, angenehmer Wärme. Als ich an die entscheidende Weggabelung komme, höre ich das Blut durch meine Adern pumpen.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.


Durch die Schlaufe, links drüber weg, rechts drüber weg…

Grillen zirpen und der Sommer liegt schwer in der Luft. Unter mir knarrzt die Hollywoodschaukel im Hof meiner Oma, auf der ich schon vor zwei Jahrzehnten gesessen hab. Bei ihr und bei mir ist der Lack ab, bei ihr aber offensichtlicher. Die weiße Farbe ist inzwischen mehr Ausnahme als Regel, was durch grellbuntgeblümtverbleichte Sitzpolster aber okay kaschiert wird. Die rostigen Ketten quietschen und ich eigne mir das Häkeln an. Aber die fasrige gelbe Schnur arbeitet nicht mit mir.

Die Coswiger Weinberge sind so etwas wie mein Sanatorium in diesem September. Omis Garten erblüht in den sattesten Farben, die Landgurken und Feldtomaten sind pflückreif, Tagetes strahlt mit der Sonne um die Wette und das Haus meiner Großeltern wirkt wie ein Relikt aus einem Fassbinder-Film.

So ohne Internet und dafür mit viel Siebzigerjahremöblierung kann mich eigentlich kein schlechter Gedanke heimsuchen. Und wie in der Psychiatrie sind die Tage mit Omi von A bis Zoe geht ins Bettchen voll durchgetacktet:

8:30 Uhr: Treffen in Omis Küche zum Frühstück. Wir reden über das, was wir gestern im Fernsehen geschaut haben, das Wetter, wer letztens gestorben ist, wer wahrscheinlich bald sterben wird und eventuell Manuel Krug.

9:30 Uhr: Wir backen irgendwas zusammen. Meistens ist es eine Variation des selben Brots, manchmal vertraut Omi mir ein wohlgehütetes Familienrezept an. Schließlich gelingt uns die beste bodenlose Eierschecke seit Jahrzehnten.

10:30 Uhr: Ich gehe meinen Enkelpflichten nach und krieche auf allen Vieren durch den Garten. Kein Wildkraut ist vor mir sicher.

11:00 Uhr: Omi füttert ihre lesbischen Landschildkröten Frieda und Martha. Auf Friedas Panzer steht in Edding Omis Adresse, weil sie ständig ausbüchst.

Die Schildkröten sind älter als ich und haben deutlich mehr Sex. Ich wünschte, ich könnte eine elaborierte Flucht aus meinem Leben antreten und meine Zeit mit Salat und sapphischen Ritualen zubringen.

12:00 Uhr: Wir lösen gemeinsam Kreuzworträtsel. Omi und ich kennen keine Flüsse. Omi liest mir mein Horoskop vor und bezieht alles auf den ollen Typen, in den ich leider immer noch verliebt bin.

13:00 Uhr: Ich koche uns etwas zum Mittag. Omi schmeckt es hervorragend und sie staunt, was man alles vegetarisch kochen kann. Sie wird sofort wieder vergessen, was genau vegetarisch ist.

13:30 Uhr: Getrennte Mittagsruhe. Omi macht ein Nickerchen in ihrem Fernsehsessel, ich döse auf der Couch in meiner Ferienwohnung im oberen Stockwerk. Eine gigantische Palme blockiert mir den Fernseher.

16:00: Kaffeetrinken. Mehr Tratsch. Omi packt Männergeschichten aus, die weder ihr noch mein Grab überwinden sollen.

17:30 Uhr: Erneut Enkelpflichten. Ich soll Omi was in ihrem Handy erklären. Ich tue kundig und vermisse mein Nokia aus der Unterstufe.

18:00 Uhr: Spielestunde. Ich gewinne haushoch im Domino. Omi isst zum Trost Hallorenkugeln. Ich gewinne haushoch im Rummikub. Der Joker lacht, ich lache, Omi isst mehr Hallorenkugeln.

20:00 Uhr: Ein prüfender Blick in die Fernsehzeitung. Teekanne, Kuscheldecke, eine Packung Duplos erscheint. Und dann eine Packung Schaumküsse mit Tiramisugeschmack. Und dann eine Flasche Eierlikör. Ich durchleide eine bayrische Filmkomödie oder eine Sendung moderiert von Kai Pflaume.

22:00 Uhr: Schlafenszeit für mich, Omi verfolgt noch eine Doku auf 3Sat. Ich inhaliere den Duft meiner Daunenbettwäsche, um keine kreisenden Gedanken oder Angst in der Dunkelheit zu bekommen.

Es funktioniert nicht.

Ich starre an die Decke und fange leise an zu weinen. Omi soll mich nicht hören, Omi soll sich keine Sorgen machen. Wann werde ich wieder habwegs so wie früher?

Ich habe Ihnen einen Beruhigungstee gemacht. Ob ich mir jetzt selber einen mache?

Da machen meine Beine nicht mit.

23:30 Uhr: Ich knipse mein Nachtlicht an und vertiefe mich in “…Und wer küßt mich? Fussballer-Anekdoten” von Ex-Nationaltorhüter Sepp Maier, seinerzeit bekannt als ‘die Katze von Anzing’. In keiner der Anekdoten kommt eine Katze vor.

0:30 Uhr: Es gibt keine Anekdoten mehr. Ich versuche, mir durch bekräftigende Gedanken zu Schlaf zu verhelfen. Nem Club hinterhertrauern – beim Beckenbauer hätt’s das nich gegeben!

0:45 Uhr: Ich kann Positivität nicht. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Ich hasse mich. Fussball hasse ich aber mehr.

1:00 Uhr: Das wirkt. Ich schlafe ein.

Zurück zur Hollywoodschaukel. An manchen Tagen lasse ich Mittagsschlaf ausfallen, um genug Müdigkeit gegen die Nachtpanik anzusammeln. Und darum sitze ich nun hier, am häkeln.

Mein Blick gleitet über die nostalgisch angehauchte Gartenpracht, die sich vor mir auftut, mit Engelstuten, Basilikumbüschen und den Wäschestangen, an denen ich früher für Opi zum Preis einiger Geleebananen Klimmzüge machen sollte. Das Leben ist eigentlich einfach, versuche ich mir einzureden, nichts zählt mehr als du und Omi und Sonne und Blümchen und Kaffeetrinken. Vergiss den Rest, der Rest war nie wichtig. Du brauchst den Club nicht. Du brauchst die Leute nicht. Du brauchst deinen besten Freund nicht. Du brauchst den Typen nicht.

Man könnte sich so schön belügen, wenn einem alles egal wäre und die Sonne immer scheinen würde!

Es muss gegen 16 Uhr sein, denn quer über den Hof schlurft Omi auf mich zu. Die Illusion des Weinbergidylls hält sich schon deshalb nicht, weil sie offensichtlich Schmerzen beim Gehen hat. Beim Frühstück hat sie erzählt, wie sie die Nacht wachgelegen hat vor Angst, weil sie bald sterben muss und alle ihre Freunde gerade sterben und sie weiß nicht wann und sie weiß nicht wie und sie weiß nicht, ob das schlimmer wird mit den Schmerzen und dem Vergessen.

Mich plagt das schlechte Gewissen, weil ich vor meiner Misere so lange nicht mehr da war. Mein ganzes halbes Leben hat im Club stattgefunden. Nichts schien wichtiger. Und jetzt hat mein liebster Mensch Angst vorm Einschlafen, weil sie denkt, sie stirbt dann, und ich habe Angst vorm Einschlafen, weil ich dann darüber nachdenken muss, warum ich fast gestorben wäre. Ich kann ihr ihre Last nicht nehmen und sie mir nicht meine, aber wir tun so, als ob und reichen uns Stachelbeermarmelade und Butter.

Unter dem empörten Ächzen der Bank lässt Omi sich neben mir nieder und verschmilzt in ihrem blütenweißen Ensemble mit den Resten des Lacks. “Na?, fragt sie gütlich, “Bringst des schon?”

Zur Antwort halte ich mein Werk hoch. Das pissgelbe Platzdeckchen in Form einer Butterblume sieht aus, als sei es Contergan zum Opfer gefallen. Wir kichern.

“Und deine Liebe?” hakt sie weiter nach, bedacht, mitfühlend. “Gibt es da etwas Neues?”. Fische. 20. Februar bis 20. März. Sie können sich diese Woche freuen: Jemand ganz Besonderes denkt an Sie. Eine Nachricht schafft Klarheit.

Ich seufze. “Nüscht ist mit dem, Omi. Von dem hör’ ich nie wieder was.”

“Ei wo. Der ist jung, der muss die Liebe noch lernen.”

Ich wünschte, meine Omi läge immer richtig und das Leben wär ein schönes Horoskop.
Aber Recht habe ich.


Zu verschenken.

Ungläubig starre ich von dem karierten Zettel, auf dem die Notiz steht, zu dem Objekt, auf das sich die Nachricht bezieht. Am Straßenrand steht einfach so ein Bäumchen im Plastiktopf, das nicht unbedingt nach oben, aber zu den Seiten ausladend ist. Wahnsinnig, wahnsinnig ausladend. Satte, fette, grüne Blätter zieren die Hauptäste. In einem unüberschaubarem Wirrwar ziehen sich Ranken mit kleinen Blattknospen zwischen ihnen her. Am Wunderlichsten an dieser mir unbekannten Zimmerbotanik sind jedoch die zahlreichen, edel anmutenden Blüten, die kleinen weißen Lampions ähneln. An ihren Spitzen befindet sich weiteres Blütenwerk, blutrot, aus dem lange, filigrane Dochte schauen.

Ich überlege nicht wirklich lange. Denke nicht an den fehlenden Platz Zuhause, nicht an die vielen anderen Pflanzen, die bereits unsere Wohnung schmücken (und zusehend weniger begehbar machen). Vor allem denke ich nicht daran, dass ich mit dieser Schönheit in keinen Nachmittagsbus weit und breit passe. Ich nehme die Pflanze einfach mit. Mein Kopf verschwindet in den Ranken. Den Heimweg lege ich zu Fuß zurück. Eine Website, die sich auf Pflanzenerkennung durch wacklige Handyfotos spezialisert, verrät mir schließlich, wen ich vor mir habe:

Ein kletternder Losstrauch, auch bekannt als Afrikanisches Tränendes Herz.

Ich habe die Herzschmerzpflanze aufgelesen. Das ist doch alles ein kosmischer Streich.

Immerhin ist die Geschichte für einen Lacher in meiner Gruppentherapie gut, zu der ich mich aus Pflanzentransportgründen fast verspäte.


Auf Arbeit wird mir ein Projekt übertragen. Und noch ein Projekt. Und könnte ich wohl bei dieser Herausgabe unterstützen? Habe ich noch Kapazitäten? Wann bin ich im Büro? Ich bin immer im Büro, außer Mittwochs, manchmal Mittwochs. Natürlich, mach ich alles gern, hilft ja nichts, Kürzungen, Unterbesetzung, der Kollege geht in Vaterschaftsurlaub, die Kollegin hat Burnout, die Kollegin hat eine kranke Frau, mir geht’s gut, ich meld mich, wenn was ist. Danke, danke, danke für das Einzelbüro mit meinen vielen Grünpflanzen und dem Wandterminplaner der voll ist und dem Fenster, vor dem eine Plane hängt. Ich kann alles, ich schulter das alles, ich nehm nicht viel Platz ein, bitte habt mich lieb.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.

Also für die Bachelorarbeit empfehle ich Ihnen Folgendes, sagt Professor J., ihm gefällt mein Entwurf, Konzept bis Anfang Januar? Sie sehen blass aus, Frau R., ist alles in Ordnung? Ja ja, nicht wirklich, mir ist da was passiert. Umzug Ende nächstes Jahr, in Dresden halt ich’s nicht mehr aus, jede Ecke vom Wasaplatz bis Altpieschen erinnert mich, Ende September 26 Abgabe. Danke, mir geht’s gut, wird schon, muss schon, danke für Ihr Feedback, ich setz mich dran, ich schau’s mir an, ich kotz mich an.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.

Angst, in den Bastelladen zu fahren, Angst, ins Kino zu gehen, Angst vor dem Campus, Angst, dass ich wen treffe, Angst, dass der Täter vor meiner Wohnung wartet, Angst, dass ein Schreiben vom Anwalt wartet, Angst, Angst, Angst, in den eigenen vier Wänden ist’s doch am Schönsten.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.

Hallo Zoe, hier ist A. von der Beschwerdestelle. Willst du Neuigkeiten? Bist du in der Verfassung für Neuigkeiten? Ich bin in keiner Verfassung für nichts, aber Wissen ist besser als Unwissen. Die Gruppe reagiert nur langsam, der Täter musste sich doch mal rechtfertigen (Sechs Monate später), der Täter hat inzwischen Hausverbot, der Täter schreibt Beschwerden an Beauftragte, der Täter biedert sich der Gruppe an, der Täter sagt, es ist eine Verschwörung, hast du einen Kommentar? Ich bin müde, so unglaublich müde, das ist mein Kommentar.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.

Hallo, ich bin Irene, hallo, ich bin Tom, hallo, ich bin Aurelie, hallo, ich bin Magnus, hallo, hallo, hallo, hallo, ich bin Zoe und ich habe alles verloren, was mir lieb ist. Ganz schön eng hier, neun Leute, Tom hört auf, Lisa kommt, Thea kommt, Sitzkreis, Sanduhr, Wochenrückblick, ich hab heute kein Thema, ich habe heute nichts zu sagen. Nein, wirklich, macht nur, ich hör euch gern zu, ich kann mein Thema nächste Woche ansprechen, ich hab noch ne Einzelstunde, ich kann mein Thema auch nie ansprechen, bitte habt mich lieb.

Das musst du jetzt noch einmal durchhalten.

Du siehst richtig gut aus, doch, echt ausgeruht. Bin ich nicht, danke. Hast du Pläne für Irland, du musst ja nach Irland, was macht das Datingleben? Reiß dir doch in Irland was auf, ein bisschen Spaß muss sein, starte wieder voll durch, hak den Typen ab. Ich denke an Arme, die mich fest umschlingen, an rosa schillernde Hemden, die nur am Waschtag getragen werden, Spaziergänge über Friedhöfe, Spaziergänge in Sommernächten bis nach Löbtau, ich denke an Hände, die über mich streifen, ich möchte deine Brüste berühren, ich denke an das Gefühl am nächsten Morgen, keine Nachricht, der ist nicht so, aber jetzt ist er doch so. Ich bin eine Liebe, die man nur einmal kennt, ich habe Ansprüche, ich bin zu viel, ich bin zu da, ich vermisse zu sehr, ich bin nicht deutlich genug, nein danke. Nein, danke. Ich bin ausgeliebt.


Tropical Green Houses, Director’s Garden, Rose Garden, Local Flora, Vegetable Fields…

Wie in Trance kreise ich in den National Botanic Gardens in Dublin um mich selbst. Ich habe gepokert und einen meiner letzten Tage in Irland abgewartet, in der Hoffnung, dass das Wetter gut wird. Und ausnahmsweise habe ich Glück. Pralle Sonne, 26 Grad, bonbonblauer Himmel, alles glitzert. Ganz besonders die Kuppeln der Gewächshäuser, i wo, Gewächspaläste! In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas Schöneres gesehen als die Hülle und Fülle an Blütenpracht, die sich vor mir auftut.

Langstielige Lilien pflastern meinen Weg. Ich bestaune haushohe Palmen von den Stufen aus, auf denen Ludwig Wittgenstein 1948 saß und versuchte, etwas Logik in diese willkürliche Welt zu bringen. Neben plätschernden Bächen staksen anmutige Reiher zwischen großen, fülligen Wasserpflanzen. In einem Birkenwäldchen, dessen Blätterdecke mich in ein Lichtspiel badet, muss ich mich erst einmal hinsetzen, um all das zu verkraften.

Einen Tag wie heute habe ich bitter nötig. Hinter mir liegen fast drei Monate tiefe Einsamkeit, Unsicherheit, Ringen mit der Vergangenheit, heroische Mengen an Beruhigungstee. Erst die Woche zuvor hatte ich eine Onlinesitzung mit meinem Therapeuten, auf den ich große Stücke halte. Seinen Fimmel für Freud’sche Theorie teile ich nicht, aber der Mann hat mich durch die letzten Monate gebracht. Wir hatten viele schwere Sitzungen. Diese Letzte war besonders schwer. Ich habe lückenlos durchgeweint. Fünfundvierzig Minuten lang.

“Es ist ganz natürlich, dass Sie jetzt in Ihrer Situation viel häufiger an ihre Erlebnisse mit der Gruppe und ihren Liebeskummer denken, Frau Rühle. Sie sind aus Ihren Alltagsstrukturen raus. Ihre Bewältigungsmechanismen sind weg. Erlauben Sie sich, ihre Trauer jetzt wahrzunehmen.”

Aus meiner Sicht nehme ich die Trauer schon die ganze Zeit wahr. Wenn sie nicht gerade die Gestalt von Wut hat. Oder Fassungslosigkeit. Oder Hoffnungslosigkeit. All dieser Unrat verlässt mich einfach nicht. Ich öde mich mittlerweile selbst an bei all dem Selbstmitleid. Es muss doch mal vorwärts gehen. Ich muss doch mal vorwärts gehen. Stattdessen ist es fast ein Jahr später, ich verstehe immer noch nicht, was mir da eigentlich passiert ist und verkraftet habe ich es schon gar nicht.

Jede Woche besuche ich einen Park in der Nähe meiner Unterkunft, lese, grüble, stopfe mich mit Scones voll und verzweifle. Es gibt dort einen ‘Worry Tree’, ein Sorgenbäumchen. Lege deine Hand auf meine Rinde und ich nehme dir deine Sorgen. Woche um Woche betatsche ich dieses lügnerische Gewächs. Woche um Woche bleibt mein Herz schwer.

Wohlmeinende Menschen in meinem Dunstkreis schreiben mir, wie stolz ich auf mich sein kann, dass ich das alles alleine schaffe in Irland.

Ist das der Rest meines Lebens? Werde ich für immer alleine sein?

Dem botanischen Garten gelingt, woran das Sorgenbäumchen scheiterte. Ich sitze in kompletter Ruhe auf dem Boden in sattem, grünen Gras, und fühle mich nicht schwer, traurig oder schuldig. Ich bin nicht wütend, weil ich wieder etwas alleine durchstehen muss.

Ich bin dankbar, dass ich in diesem Moment an diesem Ort sein darf, mit mir selbst.

Warum bloß muss Glück so eine Sekundenaufnahme sein?

Andächtig packe ich meinen Proviant aus und veranstalte ein kleines Picknick. Vor mir liegen Steingärten, Nutzgärten, in denen Rettiche, Kohl und Kamelien um Platz konkurrieren, Erbsenblüten, Zierprachtalleen, Stauden, Obstbäume und Kräuterfelder.

Morgen wird es mir vermutlich wieder mäßig gehen.

Heute denke ich nicht daran.


LARGE TORTOISE-SHELL

This is a very fine species, though painted with no particularly gay colours […]”

– F. O. Morris, A History of British Butterflies, 1890.

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