Content Warning: Der folgende Artikel enthält die deutsche Sprache, Spoiler und Nennungen der Schwarzwaldklinik.
Sonnabend, irgendwo in den Sächsischen Weinbergen, 19:45 Uhr. Meine Oma blättert eifrig die Fernsehzeitung durch, während sich in der Röhre vor uns Bares für Rares langsam dem Ende zuneigt. Erika* und Thorsten* (*Name von der Redaktion geändert) aus der Nähe von Recklinghausen verscherbeln ihre italienische Buntglaslampe aus den Siebzigern 50€ unter Schätzung der Expertise und ich beiße in mein drittes Duplo Cocos. Oma darf bestimmen, was wir gleich schauen. Ich bin nicht hier, um Entscheidungen zu treffen. Ich bin hier, um auf ihrem fad geblümten Samtsofa in Greige so wenig wie möglich an mein gebrochenes Herz und meine ebenso gebrochene Vita zu denken.
“Aha!” tönt es von rechts. Oma neigt sich in ihrem Sessel etwas auf, sichtlich zufrieden. “Um Viertel Neun zeigen sie Liebling Kreuzberg im ZDF Neo. Kennst du Liebling Kreuzberg? Das ist mit unserem Manfred Krug.”
Wie durch pavlovisches Training schnellt mein Blick zum Holzschrank mir gegenüber. Auf der Anrichte stehen, wie es sich gehört, ein großes Portrait meines toten Opas. Und ein Bild von mir und meinen zwei Cousinen von vor über zehn Jahren, alle mit verschiedenen Varianten grellbunten Haupthaars. Aber knapp darüber – da hängt der Manfred als Schlüsselanhänger zur Kommode, in der die Gesellschaftsspiele ruhen. Wenn man sein Foto schüttelt, regnet es pinken Glitzer. Hab ich Omi zum 82. geschenkt.
Dennoch weiß ich nicht ganz, warum es gleich unser Manfred sein muss. Schließlich kenn ich den Krug nur aus dem DDR-Baustellenspielfilm Spur der Steine und von einer jazzigen Weihnachtsschallplatte, die mir auch erst Oma vorsetzen musste. Dass der auch im Tatort gespielt und gesungen und noch ganz andere klasse Filme gemacht hat (wie zum Beispiel Der Boxer und der Tod von 1963) ist mir bekannt, aber nicht intim. Die Affektionen liegen da zweifelsohne eher bei ihr.
Ich lasse mir milde interessiert die Fernsezeitschrift aushändigen und lese nach. Anwaltsserie, na Gerechtigkeit lieb’ ich doch immer. Aus den 80ern, hey, da haben wir Deutschen mit unser bestes Fernsehen gemacht. Die Schwarzwaldklinik verschlinge ich ja auch immer, wenn sie mal kommt. Und da schau an – in Liebling Kreuzberg spielt auch Michael Kausch, den man aus ebenjenem bayrischen Bummsspital als etwas verpeilten, aber liebenswerten Dr. Engel kennt! Ja mei, da will ich mich bereitwillig fügen, vor allem, weil es immer ganz niedlich ist, mit meiner Oma Männer anzuschauen, die sie hübsch findet.
Was ich nicht ahnen konnte: Mit nur zwei Folgen an jenem Abend wurde in mir eine Leidenschaft, nein, gar eine Obsession geweckt für jene Serie, in der Götterspeise ebenso natürlich über den Bildschirm schwabbelt wie Manfred Krugs wohlgezüchtetes Bäuchlein über der beigen Anzughose. Liebling Kreuzberg hat meine letzten paar Wochen bestimmt und nun, geneigte Leserschaft, möchte ich Sie auf eine Art Kaffefahrt durch die insgesamt 5 Staffeln nehmen, meine Eindrücke mit Ihnen teilen, Lob und Tadel verstreuen, mich für meine ureigensten Präferenzen schämen und nach etwas deutscher Zeitgeschichte fischen. Vorher fühle ich mich aber noch verpflichtet, Sie alle abzuholen und grundlegende Personalien zu klären.
Prolog: Genese
Wenn wir es mit der Geburtsstunde von Liebling Kreuzberg wirklich ganz genau nehmen, sollten wir die 1956 im “Klub junger Künstler” in Ostberlin ansiedeln. Dort lernen sich Zwei kennen: Der eine hat seit seiner Jugend im Stahlwerk malocht, ist gerade von der Schauspielschule geflogen und versucht, bei der DEFA den Quereinstieg zu schaffen. Der andere hat eine Kindheit in drei verschiedenen KZs überlebt, studiert auf dem Papier Philosophie und will doch eigentlich nur schreiben. Die Rede ist von Manfred Krug und Jurek Becker. An diesem Treffen sind ganz viele Dinge bemerkenswert, insbesondere aber diese: Beide erreichen alles und mehr als das, was sie sich vornehmen, und diese waschechte Männerfreundschaft, die sie als “Liebe auf den ersten Blick” bezeichnen werden, soll ein Leben lang halten.
“Jurek gefiel glaub’ ich diese proletarische, patente Art. Ich konnte mich selber wehren, wenn mich einer angriff und ich konnte ihn auch noch manchmal mitverteidigen, wenn ihn einer angriff. Das war ein schönes Gefühl der Sicherheit. Das hat ihm glaub’ ich nicht schlecht getan. Und Jurek wusste alles. ‘Ne schöne Freundschaft, wir haben viel voneinander gelernt”
– Krug im Gespräch mit Heike Sittner, 2016
Die beiden begründen 1959 eine Wohngemeinschaft, aus Kostengründen wird ein stillgelegter Gewürzladen in der Cantianstraße 22 bezogen. Die nächsten Jahre sind geprägt von wechselnden Damenbekanntschaften (laut Krug operierte Becker dabei in ganz anderen Ligen als er und brachte ein Nachwuchsmodell nach dem anderen nach Hause), ein permanenter Vanillegeruch aus alten Geschäftszeiten und doch der ein oder anderen hitzigen Streitigkeit. Zeitweise wird in der gemeinschaftlichen Küche eine wortwörtliche Grenzlinie gezogen. Oder, wie Becker es 1994 gegenüber dem Stern ausdrückt:
“Wir haben die Mauer erfunden, bevor es sie überhaupt gab.”
Zwar muss auch die schönste WG einmal enden, aber der platonischen Lovestory tut das keinen Abbruch. Zahllose, inzwischen publizierte Postkarten zeugen davon. Krug avanciert schließlich mit Filmen wie Fünf Patronenhülsen (1960), Auf der Sonnenseite (1962) oder Beschreibung eines Sommers (1963) zu einem der absoluten Bildschirmlieblinge der DDR. Außerdem singt er ganz klasse, am liebsten Jazz, und bringt erfolgreich einige Alben heraus. Ein Sinatra des Ostens, quasi. Das Publikum urteilt: Er ist einer von ihnen aus der Arbeiterklasse, keiner vom Typ Schönling sondern einer, der anpacken kann. Mit seinem kräftigen Körperbau, der flüchtenden Stirn und den markigen Sprüchen imponiert er zusätzlich einer Zielgruppe, die ebenso wie Becker (und meine Oma) auf Beschützer steht.
Wer Manfred Krug haben könnte, wirft den Ehering gewissenhaft selbst ins nächste Gewässer.
A propos – Becker verfasste zunächst einige Drehbücher für die DEFA, z.B. Ohne Paß in fremden Betten (1965), bevor ihm 1969 mit seinem Debutroman Jakob der Lügner der ganz große Durchbruch gelingt. In den Folgejahren etabliert er sich als feste Größe und als eine der bedeutendsten jüdischen Stimmen des gesamtdeutschen Literaturbetriebs. Es versteht sich von selbst, dass diese Karrieren sich manchmal kreuzen müssen: So spielt Krug in Meine Stunde Null (1970) und Das Versteck (1977) nach Becker-Drehbuch.
Letzteres leitet auch indirekt einen weiteren gemeinsamen Lebensabschnitt ein: Abschied von der DDR. Denn als während der Dreharbeiten zu Das Versteck am 13. November 1976 Liedermacher Wolf Biermann infolge eines allzu kritischen Auftrittes in der Kölner Sporthalle ausgebürgert wird, unterzeichnen sowohl Krug als auch Becker ein Protestschreiben, das in der Branche die Runde macht. Regierungsvertreter klopfen an die Haustüren vieler Unterzeichner:innen. Nicht wenige nehmen ihre Unterschriften zurück – Krug und Becker nicht. Krug bleibt aber von der Angelegenheit so erschüttert, dass er im April 77 die Ausreise beantragt. Becker folgt ihm im Dezember, nachdem er aus der SED und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Beide Männer müssen mit Kind und Kegel im Westen von vorn anfangen.
Becker verdingt sich zunächst mit akademischen und journalistischen Engagements, bereist so die USA und berichtet per Post spitzbübisch davon, wie er als Gastdozent in New York und Texas faulenzt oder seine Studis aufs Korn nimmt. Krug hingegen merkt schon am Floppen seiner ersten Westplatte, dass er die Leute nochmal ganz neu von sich überzeugen muss. Was ihm mit Engagements im Fernsehen gelingen soll: Hauptrollen in den beliebten Vorabendserien Auf Achse (1978-1996) und Detektivbüro Roth (1984-1986) machen ihn erneut zum gefragten Star.
An diesem wirklich, wirklich springenden Punkt scheiden sich die Erzählungen: Manfred Krug erinnert, dass ihm der frisch geweihte Intendant des BR, Lothar Loewe, beim Biertrinken in der Kneipe zugeblökt hätte: “Krug, wieso spielen Se lauter Serien, eine nach der anjeren, aber für mich spielen Se jar nüscht!”. Er sei daraufhin sofort zu Becker, der ihn schließlich am besten kennt und für ihn am besten schreibt, und Produzent Otto Meissner schlägt vor, eine Anwaltsserie zu machen – “Winkeladvokaten gehen immer.”. Zumal Anwäte als Protagonisten noch nicht die Norm auf dem deutschen Markt sind, läuft doch erst seit 1981 mit Ein Fall für zwei eine Art Pendant zu Erfolgsserien wie Matlock oder Perry Mason.
Becker-Biograf Sander Gilman erzählt die Geschichte hingegen so:
“Im Januar 1983 begegnete der Westberliner Fernsehproduzent Otto Meissner dem Programmchef des ZDF, Lothar Loewe, auf einer Geburtstagsparty […] Meissner hatte die Idee zu einer neuen Fernsehserie, die im Berlin der Gegenwart spielen und sich mit dem Alltag eines Rechtsanwalts, seinen Fällen und seinem Privatleben befassen sollte. Eine geradezu ideale Rolle für Manfred Krug, dachte Loewe spontan. Meissner wollte mit ihm eine Pilotsendung für die neue Serie drehen, die er skizziert hatte. Aber jemand musste die Serie schreiben! Manfred Krug war es, der seinen alten Freund Jurek Becker vorschlug.”
– Sander L. Gilman: Jurek Becker. Die Biographie, S. 231
Geneigte Leserschaft, ich will ehrlich mit Ihnen sein: Mich interessiert nicht die Bohne, welche Geschichte stimmt, sie sind beide ganz schön. Lieber möchte ich mit Ihnen das durchgehen, was Loewe, Krug, Becker & Co auf die Beine gestellt haben.
Staffel 1 (1986)
Liebling Kreuzberg beginnt durch einen klassischen Kniff: Uns werden die wichtigsten Charaktere der Serie durch die Augen eines Neulings vorgestellt. In diesem Fall ist das Dr. Giselmund Arnold, wie ganz oben erwähnt gespielt von Michael Kausch. Der entspricht unserem Bild eines Anwalts, weil er recht zugeknöpft und gründlich ist, abgesehen davon ist er aber auch ganz jung und knuffig. Er hat den weiten Weg aus dem heimischen Sindelfingen bei Stuttgart gemacht, um in der Kanzlei anzuheuern. Zuallererst macht er dabei die Bekanntschaft von Rechtsanwaltsgehilfin Paula (Corinna Genest), die strikte aber treue Seele im Büro, und Senta (Anja Franke), die vorlaute Azubine.
Und alsbald trifft er auch auf den eigentlichen Protagonisten, Robert Liebling (Krug), bei dem schnell klar wird, warum er ‘nen Sozius einstellen will: Liebling arbeitet nicht gern. Er ist generell eher ne unkonventionelle Type, läuft im Büro oft auf Socken, trägt Anglerhut, fährt Moped (denn Auto ist ja viel zu gefährlich!), verschlingt jede Folge tellerweise Götterspeise und jongliert meistens zwischen zwei und vier Liebschaften. Zeit findet er da nur für seine Tochter im Teenie-Alter Sarah (Roswitha Schreiner), die ständig blank ist und den Freund öfter wechselt als die Bettwäsche, und die wirklich, wirklich interessanten Fälle. Weil Liebling im tiefsten Innern dann doch ein nobler Hund ist, sind das nicht die lukrativen Mandate, was er durch seine Notargeschäfte aber mit links aufholt. Es scheint sich eine Dichotomie aufzubauen: Arnold als das konventionelle, polierte Greenhorn, das nach den Regeln spielt und Liebling, rebellischer Robin Hood des Kreuzberger Kiez und Mentor.
Dass diese Klischees angestupst, aber nicht vollends bedient werden, zeugt von Jurek Beckers glücklichem Händchen am Drehbuch. Die erste Folge (“Der neue Mann”) ist quasi ein einziges Einstellungsgespräch, bei dem Arnold ganz nach dem fish out of water-Prinzip an Lieblings Seite durch Berlin gescheucht und gematert wird. Dabei stellt Zuschauer:in aber auch fest, dass Arnold gar nicht mal so spießig ist und selbst im Angesicht einer brandgefährlichen Jugendbande (Zwölfjährige, die mit Taschenmessern drohen und Polanskis Chinatown zitieren!) eine gewisse lockere Flockigkeit nicht verliert. Auf ähnliche Art und Weise werden andere Charaktere gezeichnet: So ist Liebling Frauenheld mit fast proto-feministischen Ansichten, Paula ist kühl, aber darf doch im Anblick einer möglichen Ehekrise emotional werden und Senta ist meinungsstark und flapsig, wird im Verlauf der Serie aber mächtig firm in ihrem Beruf und entpuppt sich als eine, auf die Kerle fliegen, ungeachtet des Damenbärtchens und der burschikosen Art.
Dieses Spiel mit Erwartungen und Klischees setzt sich in der zweiten Folge (“Ein dringender Fall”) fort, die das Risiko eingeht, fast ausschließlich an einem Ort zu spielen und hauptsächlich drei Charaktere einzuspannen. Denn Liebling vertritt einen Jugendlichen, der eine Geiselnahme in einem Supermarkt begeht und tauscht sich selbst gegen die Geisel ein, lässt sich aufgrund notarieller Verpflichtungen dann aber gegen Arnold eintauschen. So oder so, Liebling, Arnold und der Mandant, der etwas feindselig und bewaffnet ist, hängen ganz viel zusammen im Supermarkt rum.
Konventioneller wäre es, so eine Folge in die Mitte oder gen Ende einer Staffel zu platzieren, da dort die Protagonisten schon besser etabliert sind und das Publikum um sie bangen kann. Dadurch, dass wir aber weder den Liebling noch Arnold einschätzen können und die Beziehung der beiden zueinander noch jung und unbeschrieben ist, entfaltet sich ein ganz anderes Spannungspotential: Knickt einer von beiden ein? Auweiauwei, haut der wankelmütige Liebling Arnold vielleicht doch in die Pfanne, wie vom Mandanten angedeutet? Das ist doch ne ganz andere Form des Mitfieberns! Solche strukturellen Konventionsbrüche finden sich in der Serie ein paar Mal, aber in aller Regel hat Liebling jede Folge nen Fall, Arnold hat jede Folge nen Fall und davor, dazwischen und danach gibt’s zwischenmenschliches Beziehungsgeplänkel. Hauptsächlich Geplänkel direkt aus dem Bette Lieblings.
Neben fast subversiven Charaktertypen und wagemutigen Storykniffen hat die Serie aber vor allem Themen zu bieten, die nach wie vor immergrün sind (leider). Besonders interessant ist zum Beispiel die subtile Einbindung von Klassismus. So werden viele Studis, die die Kanzlei konsultieren, von ihren Eltern ausgehalten, genau wie Lieblings Freundin (well, eine davon), Lebenskünstlerin Dodo (Almut Eggert) und Liebling selbst ist sich sehr bewusst, dass er sich seinen Lebensstil auch nur leisten kann, weil ein alter Maklerfreund seines Vaters all seine Urkunden von ihm absegnen lässt. Viele sogenannte legal procedurals gehen darauf ein, dass Recht und Gerechtigkeit oft nicht die selbe Sache sind, aber nur wenige schauen so gründlich und gleichzeitig so beiläufig darauf, wie viel Recht mit Geld zu tun hat.
Was aber thematisch mit Abstand am meisten ins Auge sticht ist die sehr deutliche Kritik an Xenophobie, die Liebling Kreuzberg ausspricht. In aller Regel bleibt der berühmte moralische Zeigefinger drinnen, aber in diesem Themenbereich entfährt selbst Liebling ein “Bei sowas kommt mir Innenländerfeindlichkeit hoch!”. Das sind, wie erstmals Folge 3 (“Der Beschützer”) demonstriert, auch nicht nur Lippenbekenntnisse: Liebling und Arnold vertreten einen jungen Türken, der einen anderen Landsmann angegriffen haben soll, weil dieser seine Schwester angetatscht habe – gegen ihren Willen.
Im Verlauf der Geschichte versuchen die beiden Familien der Parteien, durch einen zwielichtigen Schlichter aus der eigenen Kultur außergerichtlich Frieden zu schaffen. Klar wird das von Liebling mit der noch heute populären “Wer in diesem Land lebt, lebt nach unserem Gesetz”-Phrase quittiert. Wenn Liebling und Arnold über die vermeintlichen Regelungen der muslimischen Glaubenskultur sinnieren und Arnold süßlich lächelnd erklärt “Auch in Stuttgart gibt es Türken!”, dann zeichnen beide mitnichten ein differenziertes Bild von der Kultur, die sie zeichnen wollen. Es ist mehr die missglückte Jesusrestauration aus Spanien. Dennoch wird rassistische Beweisführung vor Gericht klar als solche benannt, beide Anwälte sind auch mehr als erfreut, von der Familie ihres Mandanten zu einer traditionell türkischen Feier eingeladen zu werden. Und die Schwester, das corpus delicti des Falles, ist keine Bevormundete, sondern eine selbstsichere junge Studentin.
Der Mief überholter Attitüden hängt den meisten Medien an, die ein paar Jahre auf den Buckel haben. Glauben Sie mir, ich bin nicht die Person, die diese Serie davon freisprechen will oder sollte. Aber dass Liebling Kreuzberg sich für Migrant:innen so deutlich stark macht, hängt zum einen mit den hässlichen, schon sehr deutlichen Dämonen der Zeit zusammen, zum Anderen mit Jurek Beckers Vita. Denn das Deutschland der 1980er ist bereits tief geprägt von einem unfairen Misstrauen Biodeutscher gegenüber den türkischen, vietnamesischen (etc.) Gastarbeiter:innen, die ein paar Jahre zuvor noch kräftig angeworben wurden, gemischt mit einer steigenden Menge von Neonazis und einer keimenden Debatte um die deutsche “Erinnerungskultur”, ein Wort, bei dem mir auch 40 Jahre nach Erstausstrahlung von Liebling Kreuzberg der Appetit vergeht – sogar auf meinen geliebten türkischen Bohnenauflauf mit Halloumi und Tahini.
Diese Debatte erlebt seinen ersten großen Showdown im Herbst 1988, als der Autor Martin Walser eine in der Zeit abgedruckte Rede darüber hält, dass er sich wünsche, endlich nicht nur über die Schreckensaspekte des Zweiten Weltkriegs reden zu dürfen – er selbst habe schließlich auch schöne Kindheits-erinnerungen an jene Zeit. Walser bleibt bis zu seinem Tod 2023 eine heiß diskutierte Personalie, zumal er auch seine NSDAP-Mitgliedschaft schönzureden versucht und ein ums andere Mal mit Antisemitismus-vorwürfen konfrontiert ist. Jurek Becker, der nebst seinem Vater als einziges Mitglied seiner Familie die Shoah überlebte, findet deutliche Worte für Walser und seinen Wunsch nach Nostalgie:
“Tut mir leid, aber von meiner Familie sind an die zwanzig Personen vergast oder erschlagen oder verhungert worden, irgendwie spielt das für mich noch eine Rolle. Ich habe nicht so kuschelige Kindheitserinnerungen wie Walser.”
– Jurek Becker: “Gedächtnis verloren – Verstand verloren” Die Zeit, 18. November 1988
Ich werde nun eine dritte Person in den Ring werfen müssen, um eine elegante Überleitung für Sie zu schaffen – aber, geneigte Leserschaft, ich bin sehr zuversichtlich, dass Sie bereits von Marcel Reich-Ranicki gehört haben. Reich-Ranicki war viele Jahre das Aushängeschild des Literarischen Quartetts, ohne Mühe Deutschlands bekanntester Literaturkritiker und seines Zeichens ein Überlebender der Shoah. Seine legendären Aufreger halten mich warm in Stunden der Freudlosigkeit. Auch Reich-Ranicki findet sich mal in einer Fehde mit Walser wieder und wird Vorbild für dessen Roman Tod eines Kritikers, der nochmal einen Rattenschwanz an Mediendiskussionen und Antisemitismus-vorwürfen nach sich zieht. Jüngere kennen ihn vermutlich eher durch den vielzitierten Ausspruch “Ich nehme diesen Preis nicht an!“, mit dem er den frisch an ihn verliehenen Fernsehpreis 2008 von sich stößt.
Die memetische Energie dieses Satzes rückt leider etwas in den Hintergrund, worum es Reich-Ranicki an diesem Abend geht: Eine deutliche und nicht unfundierte Kritik an der Fernsehlandschaft. Seine Ansprüche sind auch 1986 schon hoch, weshalb es Sie nun nicht schlecht staunen lassen dürfte, wenn ich berichte, was ein gigantischer Fan von Liebling Kreuzberg Reich-Ranicki war. Mehr Adel geht nicht.
Insgesamt muss gesagt werden, dass die Serie ihre sechs Folgen umfassende Feuertaufe mit Bravour meistert und direkt ein Hit wird. Rekord-Quoten von fast 47% und ein Grimme-Preis! Nebst Lob der gelungenen Milleustudie und der nuancierten Charaktere wird am Häufigsten die tolle Dialogarbeit hervorgehoben, die Becker und Krug hier am besten selbst kommentieren (ich bin müde):
Ihre Augen und Ohren täuschen nicht – Jurek Becker war Volker Pispers, bevor Volker Pispers Volker Pispers war.
Staffel 2 (1988)
Noch vor der ganzen Walser-Affäre gibt es den Startschuss für eine neue Staffel. Die soll auch gleich 13 statt der knappen 6 Folgen erhalten und um zu beweisen, dass man jetzt in der Championsleague spielt, wird das Intro ausgewechselt. Das hübsch-dudelige Mundharmonikathema von Hans-Martin Majewski (Die Brücke, Das fliegende Klassenzimmer) wird ausgetauscht gegen eine imposantere Saxophonnummer von Klaus motherfucking Doldinger. Denn nichts sagt so sehr “Wir ham’ jetzt richtig dicke Eier!” wie ein Engagement des Tatort-Komponisten. Wobei ich gestehen muss, dass ich Majewskis Intro trotzdem netter finde.
Jurek Becker bemerkt gleichwohl, dass er jetzt ein paar Bedingungchen stellen kann und möchte, wo das Ding doch mit ihm steht oder fällt. Erstens mochte er die Regie der ersten Staffel nicht. Zu “lieblich” sei die gewesen. Also wird Regisseur Heinz Schirk vor die Tür geworfen, dort, wo auch das Intro der ersten Staffel gelandet ist. Sein Platz wird eingenommen von Werner Masten, mit dem Manfred Krug schon ein paar Folgen Auf Achse gedreht hat und der sein Gütesiegel kriegt. Außerdem sichert Becker sich erst einmal volle Drehbuchkontrolle – von jetzt an darf ihm keiner mehr Veto geben (außer vielleicht Liebling Krug). Das hatte ihn dann doch manches Mal in der ersten Staffel geärgert, wenn die Produktion Fallvorschläge von ihm nicht umsetzen wollte.
Bei der Gelegenheit will ich einen weiteren Aspekt benennen, der Liebling Kreuzberg so kultig macht: Die Fälle sind einfach saugut konstruiert und erzählt. Verschulden tut das sicherlich irgendwo auch Jurek Beckers schriftstellerisches Talent, primär liegt das aber an noch einer Personalie im Liebling-Kanon: Nicolas Becker. Nicht verwandt oder verschwippschwagert mit Jurek Becker, die beiden verbindet aber ebenfalls eine langjährige Freundschaft. Was super günstig für das Schreiben einer Anwaltsserie ist, denn Nicolas Becker ist renommierter Anwalt. Zu seinen bekanntesten Mandaten zählen:
- Mehrere Mitglieder der RAF
- Christiane F. (genau, die vom Bahnhof Zoo)
- Erich Honecker (what)
- Gert Postel. Mehr was für Kenner, ist ein Hochstapler, der sich in den 80ern und 90ern als Arzt und/ oder Psychiater ausgab, häufig in Sachsen, weil hier nach der Wende auch wirklich alles mit Kusshand genommen wurde. Ich empfehle diese sehr unterhaltsame Dokumentation.
Man kann also beim besten Willen nicht sagen, dass hier ein Mangel an Know-How am Werk war, und das schlägt sich auch aus: So wurden wir bereits in Staffel 1 mit ausgefalleneren Rechtsanliegen konfrontiert. In der letzten Folge (“Der Retter”) wird Liebling als Nachlassverwalter einer Frau engagiert, die noch im Begriff ist, sich umzubringen, während wir in der Folge zuvor (“Kleine Fische”) gelernt haben, dass man sich nicht etwas zurückklauen darf, was einem geklaut wurde. Zumindest von Rechtswegen her. Wir haben auch öfters gelernt, dass nicht jeder Fall angenommen oder gar gewonnen wird.
Die erste Folge der zweiten Staffel (“Taschenpfändung”) trumpft besonders auf, denn diesmal liegt der Fokus ganz auf einem Fall: Eine Frau betritt die Kanzlei und ersucht Lieblings Unterstützung. Sie hat einen dreijährigen Buben aus einer Beziehung mit einem Italiener, der für das Kind keinen Unterhalt zahlt. Nun ist die Romanze längst ade, die letzte Note O sole mio ist geträllert und eigentlich wurde der Giovanni auch von einem deutschen Gericht zur Zahlung verdonnert. Weigern tut er sich trotzdem, zumal er längst wieder seinen Lebensmittelpunkt in die mediterrane Heimat verlegt hat.
Nu isser aber übers Wochenende in Berlin, und das bedeutet nicht nur tatkräftigen Sondereinsatz von Liebling und Arnold (der, wie wir bei der Gelegenheit herausfinden, wunderhübsch italienisch spricht – was kanner nich, dieser Giselmund?), es bedeutet auch kleinlichste, juristisch genaueste Darstellung der titulären Taschenpfändung. Grob gesagt: Wenn man Schulden hat und partout nicht zahlt, setzt ein Wachhund wie Liebling Gerichtsvollzieher:innen auf einen an, die einem das aus der Tasche ziehen, was man gerade bei sich hat.
Beide Beckers trauen uns nicht nur zu, dass wir den Pekuliaritäten eines solchen Prozederes wachsam folgen und lernen (merke: Nicht alles kann verpfändet werden, für z.B. Armbanduhren muss ein Ersatz gestellt werden). Enden tut die Folge mit der Dialogzeile “Und außerdem finden Laien sowas immer interessanter als Fachleute.”, bei der die vierte Wand ganz schön zittert. Es gibt zusätzlich die nerdigsten Rechtsdialoge, bei denen Paragraphenreiter:innen so richtig einer abgeht:
Diese Szene hat Liebling Kreuzberg im Alleingang nen Preis vom Deutschen Anwaltsverein gesichert.
Wobei hier erwähnt sein will, dass auch ich bei solchen Austäuschen schwach werde. Liebling Kreuzberg ist sicherlich nicht die erste Instanz, in der ich lerne, dass ich einen erotischen Hang zu peniblen Menschen habe. Aber es ist sicherlich die Unglücklichste, weil ich meiner Oma nur schwerlich vermitteln kann, warum der maskuline Reiz eines Manfred Krug mich kaltlässt, ich aber jedes Mal Schnappatmung kriege, wenn Michael Kausch als Arnold einen sperrigen Richter runterputzt. Ich bin dazu verdammt, Steuerberater:innen anzuvisieren oder mein Glück in der ungeordneten Einsamkeit zu suchen.
Wo wir nun aber im Reich der Sinne gelandet sind: Diese Staffel ist geprägt von der sprießenden Romanze zwischen Liebling und Staatsanwältin Rosemarie Monk (Diana Körner), die zunächst als vage antagonistische Eiskönigin inszeniert wird. Da Liebling aber löblichwerweise einen Hang zu selbstständigen Karrierefrauen zu haben scheint (zumindest diese Staffel noch) ist er ganz hingerissen und bekniet sie auf die typisch Krug-charmante Art um ein Rendezvous. Aus dem dann schließlich eine eingefleischte, (fast) exklusive Beziehung, die sich so ganz schön anguckt.
Im Kontrast dazu bekommen wir einen tieferen Einblick in Arnolds Privatleben: Während seine Frau in Staffel 1 lediglich einen kurzen Gastauftritt hatte, ist sie in Staffel 2 mit dem gemeinsamen Sohn im Kleinkindalter nachgezogen. Die eigentlich harmonische und urstabile Verbindung wird allerdings zunehmend strapaziert. Frau Arnold studiert und Herr Arnold hat ja doch als Lückenbüßer der Kanzlei wenig Zeit für Care-Arbeit. Es muss hier aber ganz klar erwähnt werden, dass er sich (anders als für Männer der Ära üblich) um diese keineswegs drückt – in einer Szene bespaßt er seinen Filius sogar mit einer Gitarre und auffälligerweise ist meistens Arnold am Start, wenn ein Fall Kinder involviert (siehe Folge 7 “Zweimal Entlassung” und Folge 8 “Rom und Zurück”). Unnötig zu erwähnen, dass ich meine herzförmige Arnold-Collage Ende der zweiten Staffel fertiggeklebt hatte.
Nicht erobert werden konnte mein Herz allerdings von den neu eingeführten Nebencharakteren: Zu Beginn der Staffel quartiert sich Lieblings Mutti (Karin Hardt, ebenfalls Schwarzwaldklinik-Alumna) bei ihm ein, die ihren Auftrag durch das Drehbuch, nervig und aufdringlich zu sein, in vollem Maße ausfüllt. Wenn sie nicht gerade über die Exfrau ihres Sohnes herzieht (was der erfrischenderweise, in einer kühnen Abweichung vom Genre, nie macht) will sie ihn zu einer neuen Verbindung drängen oder liegt ihm wegen der kosmisch schlechten Stellung des Gästebettes im Ohr. Ähnlich nervtötend gestaltet sich Referendar Wittlich (Friedrich-Karl Praetorius), der mit so viel Klamauk als inkompetenter und gelichzeitig neunmalkluger Prakti ins Geschehen gedrängt wird, dass man sich an seiner Schambehaarung in der Dusche erhängen möchte.
Die Addition dieser Figuren soll wohl den Comedy-Gehalt der Staffel auch über die doppelte Menge an Stoff aufrecht erhalten, verschenkt aber eigentlich nur wertvolle Bildschirmzeit. Die wäre mal besser genutzt worden, um mehr Szenen zu integrieren, in denen Liebling und Arnold die Köpfe zusammenstecken.
Gab es in der ersten Staffel noch das ein oder andere Tête-à-Tête, bei dem Arnold juristische Classics wie Tennisbälle übers Planufer jagt (“Sagen Sie mal, verteidigen Sie eigentlich lieber unschuldige Mandanten?”), kocht inzwischen jeder der beiden sein eigenes Süppchen. Hier verschenkt die Serie das Potenzial, ihre Protagonisten auch aneinander zu entwickeln, nicht nur seperat in ihren Einzelfällen. Und so mancher Fall hätte nach einer Koop geschrien: Köstlich amüsiert hätte sich Liebling sicher daran, wie Arnold einer Prostituierten den Liebeslohn einzutreiben versucht (Folge 6 “Teilerfolg”).
Eine hingegen besonders gelungene Folge mit tollem Gastauftritt ist “Die Fehler der Anderen” (Folge 12), in der Dieter Pfaff einen Lehrer von Lieblings Tochter spielt. Er hat eine Schülerin mit Migrationshintergrund gegen ein paar jugendliche Neonazis verteidigt, ebenfalls Schüler von ihm, und einem berechtigterweise eine gelangt.
Da das “recht” in “berechtigterweise” aber nun vor Gericht verhandelt werden soll, ist wieder Liebling gefragt. Nicht nur bekommen wir somit erneut eine Geschichte mit Haltung, sondern auch die herzerwärmende Stimmigkeit zwischen dem Anwalt und Lehrer Laumer. Dass die Chemie stimmt zeigt sich schon dadurch, dass Laumer dankend einen Teller Tropical-Götterspeise annimmt und genau wie Liebling dieses ohnehin zweifelhafte Dessert noch mit Blue Curacao ertränkt. Mit Zucker gegen Rassismus!
Alles Gejammere ist somit auf wirklich hohem Niveau: In der zweiten Staffel schafft es Liebling Kreuzberg, seinen Hauptcast noch besser zu definieren, eine noch größere Fülle an illustren Rechtsgeschichten zu erzählen und sein Publikum blendend zu unterhalten. Und den geheimen Star der Staffel habe ich bis zum Schluss aufbewahrt: Die prominent in Arnolds Büro platzierte Kokospalme, die manch eine Einstellung verschönert.

Dieses prachtvolle Exemplar hätte einen Preis vom Deutschen Zimmerpflanzenverein verdient gehabt! ©ARD
Staffel 3 (1990)
Ich wusste direkt, dass diese Staffel unter einem weniger hellen Stern steht, als Martin Semmelrogge in der ersten Folge einen Auftritt hatte. Semmelrogge (Das Boot) ist ein zuverlässiger Indikator für Schimmel im Fundament. Ich will Gaststars Karin Baal und Volker Brandt zurück, nicht nur, weil die beide in der Schwarzwaldklinik waren!
Doch der Reihe nach: Zunächst geht in der Kanzlei Liebling alles seinen sozialistischen Gang. Der Herr Anwalt und Staatsanwältin Monk sind nach wie vor glückselig liiert, Tochter Sarah ist mittlerweile von Zuhause ausgezogen und pumpt Papi noch öfter um Geld an, Senta ist seit Mitte letzter Staffel ausgelernt und fest angestellt, Paula hält nach wie vor die Hütte zusammen und den Kühlschrank mit Götterspeise gefüllt.
Nur bei Arnold – Da gibt’s Hiobsbotschaften. Die Kokospalme wurde offensichtlich gegen ein kleineres Exemplar ausgetauscht. Mir entgeht nüscht. Nach vereinzelten Kriseleien geht seine Ehe jedoch recht unerwartet hops, Frau und Kind kehren in Folge 3 (“Selbsthilfe”) nach Stuttgart zurück. Eine therapeuthische Sauftour mit seinem Chef später hat er aber für sich herausgefunden, dass ihm das gar nicht so unrecht ist. Seine neue Freiheit begeht er mit einer Dose Thunfisch und einer langbeinigen Blondine.
Anscheinend ist Staffel 3 auch die Staffel, die Liebling von dem unangenehmen Unterton seiner Affären freisprechen soll. So vertrat er in der vorherigen Folge (“Blumen für den Rechtsanwalt”) eine Fahrschülerin, die einem sexuellen Übergriff durch ihren Fahrlehrer nur durch Diebstahl des Schulautos entgehen konnte. Immer wieder ernüchternd, anhand solcher Medien festzustellen, welche Themen eigentlich schon sehr lange ein offenes Geheimnis sind. Ich hab tatsächlich so viele Horrorgeschichten über Fahrlehrer (bewusst ohne :innen) gehört, dass ich abgewogen und einen Führerschein für doch nicht so wichtig befunden habe.
In “Selbsthilfe” wahrt Liebling leidenschaftlich die Interessen der jungen Studentin/Kellnerin Ria (Martina Gedeck), die von einem aufdränglichen Stammgast arg belästigt wird. Wir reden hier von mehreren Briefen täglich per Einschreiben, die alle persönlich von der Post abgeholt werden müssen. Insofern ist die Frau besser als ich, denn ich wäre nicht zu einem Anwalt, sondern einem Auftragsmörder gegangen.
Aber nachdem Liebling dem fraglichen Ekelpaket erst ordentlich die Leviten liest und ihn dann austrickst und so ein Ende der Causa erzielt, lässt er keine fünf Minuten verstreichen, ehe er Ria abschleppt. Die kaum älter als seine Tochter ist. Als Sarah übrigens in der selben Staffel mit einem Mann seines Alters anbandelt, scheint Liebling recht schnell zu blicken, was daran nicht koscher ist.
Das hat alles die dezenten Vibes dieser einen Folge Talk 2000, die Nonsens-Talkshow von Skandalregisseur Christoph Schlingensief (RIP), in der Schlingensief Rolf Eden rügt “Man kann doch eine Frau nicht pausenlos darauf reduzieren, ob sie knusprig ist oder nicht!”. Direkt davor hatte er voll Trübsal in den Äuglein ausführlich davon berichtet, seine 6½-jährige Beziehung jüngst “in Grund und Boden gerammt” zu haben, weil er seine Partnerin betrogen hat. Und hoffentlich schaut die Dame das, weil die will er wiederhaben. Kinder, das war mein Sturla Holm Lægreid.
Aber ich schweife ab. Was ich damit sagen will: Nur, weil Mann nicht das Worst Case Szenario ist, isser nich gleich besser als der Bär.
Die Beziehung mit Rosemarie Monk geht aber natürlich nicht wegen des Seitensprungs mit Ria auseinander. Konsequenzen sind in dieser Welt etwas von Ratiopharm. Monk erkennt Liebling eher als die flatterhafte Seele, die er ist, und kehrt in die verbindlichen Arme ihres Ex (Jurek Becker in einem Cameo!) zurück. Liebling trauert ein wenig und ersetzt sie eine Folge später (Folge 7, “Die Tochter der Freundin des Vaters”) durch eine junge Iris Berben. Auf der einen Seite – auch ich würde eine Menge Schmerz für die junge Iris Berben vergessen. Auf der anderen Seite ist das alles ein bisschen viel fahriger Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, während man(n) sich bequem darauf ausruht, dass man nicht der fummelige Fahrlehrer oder der penetrante Poststalker ist.
“Die unterschiedlichen Perspektiven auf das Recht manifestieren sich im Verlauf der Serie unter anderem bei Gerichtsverfahren wegen sexueller Gewalt gegen Frauen durch Männer. Liebling ist regelmäßig entgeistert, dass in Vergewaltigungsprozessen besonders seitens der Staatsanwaltschaft die Aussage der Frau in Zweifel gezogen wird und erst eine große Zeugenschar dem Opfer Legitimität verleihen kann. […] In Gestalt dieser Debatte werden die in den 1980er-Jahren zwar langsam aufbrechenden, aber noch immer tiefsitzenden traditionellen Geschlechterrollen widergespiegelt. Geschlechterrelationen in der Mann-Frau-Polarität finden also bei »Liebling Kreuzberg« diskursiv ihren Platz, wenn auch nur komödiantisch und an der Oberfläche verbleibend.“
– Mala Loth: Liebling der Anwälte. Manfred Krug und die Menschlichkeit des Rechts, S. 403f.
Freilich gilt an der Stelle für Liebling Kreuzberg das Selbe wie in puncto differenzierte Darstellung muslimischer Lebenswelten. Es ist irgendwo selbstverständlich, dass eine Serie aus den 1980ern einem moderneren Verständnis von Sexismen hinterherhecheln muss. Und schon gar nicht würde ich zu viel von Jurek Becker oder Manfred Krug erwarten. Das waren sicherlich nicht die größten Hundesöhne, aber Becker hat sich mit fast 40 eine 19-jährige Studentin gegönnt. Krug hatte eine Jahre andauernde außereheliche Affäre mit der Schauspielerin Petra Duda (die wiederum einen Gastauftritt in genau dieser Staffel hat), mitsamt 1995 geborener Tochter.
Ich will hier keine Privatkamellen unnötig ausbreiten, aber das hat alles schon sein Beigeschmäckle. Sicherlich werden Sie mitbekommen haben, dass ich in diesem Erlebnisbericht mehr als eine Lanze für Liebling Kreuzberg breche, und ich breche sie gern. Oftmals denken Leute aber, wenn etwas “Kult” oder ein “Klassiker” ist, sollte man über derlei Dinge mit gütigem Blick hinwegschweifen und den Mund zum stillen Lächeln verziehen, und das will ich nicht. Aufgeklärtere Formate mit besseren Frauenbildern fallen nämlich nicht vom Himmel, die sind das Resultat aus solchen ärgerlichen Betrachtungen unterm Reagenzglas.
Speaking of: Wenngleich die Erzählqualität auch in der dritten Staffel überdurchschnittlich bleibt, zeigt sich doch, dass die Serie sich der Telophase nähert. Oder, wie Arnold es ausdrückt: Der elegische Teil wird eingeleitet. Denn er kündigt an, zu kündigen, um die Kanzlei seines Vaters in Stuttgart zu übernehmen.
Arnolds Konflikt mit seinem Vater, ebenfalls Rechtsanwalt, wurde in Staffel 1 hauchzart angespielt, aber nie wirklich durchgekaut, und nu wird mit einem Mal klar, dass hier aus ‘nem spannenden Thema nicht viel gemacht wurde. Nach eigener Aussage hat Arnold stets so gehandelt, wie es von ihm erwartet wurde, der Rechtsanwaltsberuf war die pragmatische Entscheidung für das Familiengeschäft. Nun trifft er zum ersten Mal im Leben eine eigenmächtige Entscheidung – für die eigene Kanzlei und für Noch-Ehefrau und Kind. Warum kommt so ein Brocken erst gen Ende der Staffel?
Ich hab da ja ‘nen Serviervorschlag: Dieser Papi-Komplex hätte doch wunderbar in den frühen Folgen angeteasert werden und dann mithilfe eines unerwarteten Charakters aufgearbeitet werden können. Dafür scheint Senta ideal, weil sie charakterlich sehr gegensätzlich zu Arnold gezeichnet ist und die beiden genau deshalb ein- ums andere Mal in den vergangenen Staffeln aneinandergerasselt sind.
Nun ist die maulstarke, schrille Senta aber auch sehr selbstständig in jungen Jahren, und wenn ich den Bumms nochmal drehen könnte, gäbe es mindestens eine Szene, wo sie Arnold ein paar unerwartet weise Ratschläge nach Senta’scher Mundart mitgibt. Er ist überrascht davon, aus welchen Ecken manchmal Expertise kommen kann. Wir, das Publikum, kriegen was von diesem inneren Konflikt mit, bevor der Schlussakt angekündigt wird, und Arnold und Senta trinken bei Sonnenuntergang zusammen eine Caprisonne auf der Kottbusseer Brücke. Nee, in meinem Kopf macht sich das gut.
De facto sollte Arnolds Abschied aber kein Einzelphänomen sein. Jurek Becker steigt mit Ende der Staffel ebenfalls aus. Zum einen fürchtet er den Fluch einer jeden Langzeitserie, nicht aufhören zu können, wenn es am Schönsten ist. Zum anderen, das ist Schreiben an Liebling Kreuzberg-Ultra Marcel Reich Ranicki zu entnehmen, hat Becker ein bisschen Bammel, über die leichte Arbeit an einer Vorabendserie ernstzunehmende Literatur zu verlernen. Und womöglich lässt es sich herunterbrechen auf eine entlarvende Zeile aus der letzten Unterhaltung zwischen Liebling und Arnold:
“Ja, ich wiederhole mich doch nur. Ich sage zu allen Leuten das Selbe. Zu Mandanten, Richtern, Staatsanwälten, Zellenschließern, Paula. Ich denke nicht mehr. Ich sage nur noch meine Verteidigersprüche auf. Wie auswendig gelernte Gedichte […] Warum auch immer – mir fällt nichts Neues mehr ein. Und das ist ein guter Moment, um aufzuhören.”
Und so macht Liebling seine Kanzlei dicht, vermittelt Paula und Senta an Kollegen weiter und verpasst Arnold eine dicke Umarmung. Der ist sichtlich gerührt und wir stellen fest, dass er sich eine von Lieblings bunten Krawatten als Metapher für das ganze Wissen aus Kreuzberg angeeignet hat. Und der Liebling, der braust mit Iris Berben in sein Happy End. Oder halt nicht, Sie sehen ja, dass der Artikel noch ‘ne Weile geht.
Staffel 4 (1994)
Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen, warum die Geschichte an der Stelle nicht auserzählt sein konnte und durfte: Der schnöde Mammon natürlich! Denn nicht nur handelt es sich ja bei Liebling Kreuzberg um einen veritablen Publikumsfavoriten, an der ganzen Nummer hängt für Krug auch ein Werbedeal mit dem Rechtsversicherungsanbieter AdvoCard. Ich bin gerade noch alt genug, um den Slogan “AdvoCard ist Anwalts Liebling” in meiner DNA verinnerlicht zu haben und war hocherfreut, nach fast 30 Jahren auf diesem Planeten herauszufinden, woher das eigentlich kommt:
Ob AdvoCard sich den Manfred Krug leisten können? Sie können, offensichtlich.
Regisseur Werner Masten wäre wieder am Start, Krug mag auch nicht nur von seinen Tatort-Gagen leben. Nur Jurek Becker will nach wie vor nicht zurück an diese Schreibmaschine, und Michael Kausch kann (oder möchte, die Infos sind hier spärlich) auch nicht engagiert werden, um Arnold zurück nach Berlin zu holen. Denn Kausch ist kurz nach der letzten Liebling-Klappe bei einem Schauspielseminar einige Meter tief gestürzt und musste erstmal wieder lernen, wie man geht.
Somit braucht es einen neuen Sozius an der Seite unseres Protagonisten. Es braucht sowieso eine Richtung, ein Thema. Vor allem aber braucht es eine feine Erklärung, warum Liebling freiwillig aus der Rente an Iris Berbens Seite kommt. Und dafür braucht es wen, der’s schreibt.
Die Wahl fällt schließlich auf Ulrich Plenzdorf, bekannt für den Roman Die neuen Leiden des jungen W. und das Script zum DDR-Filmklassiker Die Legende von Paul und Paula. Ein Ostler, der sowohl für die DEFA als auch für den Novellenmarkt geschrieben hat? Ihnen sei verziehen, wenn Sie nun vermuten, Plenzdorf wäre die Vita Cola Light zu Jurek Beckers Baikal. Aber vom Fach ist vom Fach, zumal ja der Mauerfall und die Wiedervereinigung in der dritten Staffel keinen Platz gefunden hatten und das schleunigst nachgeholt werden sollte.
Die Konstruktion, die Plenzdorf vornimmt, lautet folgendermaßen: Nachdem ihm aufgefallen ist, dass die Iris fabelhaft aussieht, aber doch recht langweilig ist, hat Liebling sie gegen eine jüngere Dame namens Lena (Isa Jank) ausgetauscht. Das war aber zumindest finanziell nicht so pfiffig, denn Lena entpuppt sich als kaufsüchtige Spielerin, die ihr Schätzle eher wie einen Sugar Daddy durch die Boutiqen des frisch wiedervereinten Berlins zerrt. Und dann stellt Liebling fest: Die Ersparnisse sind weg. Lena hat alles verzockt.
Und somit heißt’s ran an den Speck, da reicht auch nicht Lifestyle-Teilzeit, eine Vollzeit-Anstellung als Anwalt in einer Kanzlei muss her! Wie günstig ist es, dass er direkt bei Ex-DDR-Anwältin Isolde Isenthal (Jenny Grölmann) landet, die frisch geschieden auf einer viel zu großen Kanzlei sitzt. Hier befindet man sich freilich nicht mehr in Kreuzberg, insofern heißt’s nun Liebling Prenzlauer Berg. Das neue Büro ist doch deutlich in die Jahre gekommen und baufällig, aber es findet sich sogar genug Raum, um den wohnungslosen Lieling gleich noch eine Schlafgelegenheit dazuzubieten. Weil es an einer Sekretärin fehlt, wird Senta aus der Bürohölle zurück in den Dienst berufen (Paula, so dürfen wir mutmaßen, arbeitet noch für Lieblings Kumpel Wolter).
An und Pfirsich ist das alles auch ein schönes Setup – wenn die Ost-West-Thematik nicht so schnell so totgeritten werden würde und die Lena nach der ersten Folge verschwunden wäre. Die Gelegenheit, die Wende und das DDR-Recht zu betrachten, wird ausgiebig genutzt, und da will ich gar nicht erst so tun, als ob das nicht auch glücken könnte: Illuster ist zum Beispiel der Fall in Folge 3 (“Rote Ohren”), bei dem Liebling einen ostdeutschen Polizisten verteidigt, der eine im Dienst beschlagnahmte Pornokassette widerrechtlich entwendet hatte – sowas hatte man ja schließlich nicht im Sozialismus.
Im Großen und Ganzen gibt es aber jede Folge einen Fall oder einen Charakter, der das Thema DDR mindestens peripher streift. Das wird dann genutzt, um Liebling mit der idealistischen Isenthal zu kontrastieren, die das Ostsystem ein- ums andere Mal in Schutz nimmt. In Folge 12 (“Ladendiebstahl lohnt sich”) artet das in einer überlangen Grundsatzdebatte aus, die wiederum in ein arg moralistisches “Ihr Ossis, ihr Wessis”-Geplänkel ufert. Dabei geht’s eigentlich darum, dass Isenthal Lieblings Meinung nach zu gütlich mit ihrem Mandanten, einem jugendlichen Wannabe-Skinhead (Florian Lukas, blutjung und mit Plüschkrokodil!!), umgeht. Und eigentlich eigentlich geht es darum, dass Liebling auf Isenthal fliegt und sie das nicht ganz erwidern kann, weil sie noch zu sehr am Ex-Mann hängt.
Hier kommt wieder Lena ins Spiel, denn wenngleich es keine guten Gründe dafür gibt, kommt Liebling nicht von ihr los und lernt über 13 Folgen immer wieder die selbe Lektion: Dieser buchhalterisch eingeschränkten Femme Fatale kann man nicht trauen. So ist diese Spannung mit Isenthal im Raum, die Ex spukt durch die Kanzlei, Ria aus der letzten Staffel heuert auch noch als Referendarin an und baggert am Chef. Denn anscheinend ist Liebling mit seinem spärlichen Haupthaar, seiner durch Götterspeise genährten Wampe und der notorischen Untreue wirklich der einzig interessante Mann in ganz Berlin, ach was, der ganzen Republik!
Während meine Oma sich in allem bestätigt sehen durfte, drehe ich Kreise in meiner Wohnung und verbinde Fotos auf einer Korkwand, um da noch hinterherzukommen. So ganz nebenbei spielt auch noch Isenthals fast erwachsener Sohn (Nico Siewert) und seine Wehrdienstverweigerung eine Rolle und zwei Ex-Knackis (Jörg Gudzun und Günther Schubert) werden als “Mädchen für alles” angeheuert, um die Schulden für ihren beschlagnahmten Cadillac abzustottern. Sie erfüllen dabei in etwa die selbe Funktion wie Lieblings Mutter und Referendar Wittlich in Staffel 2 und sind auch in etwa so (un)erfolgreich. Und das beleidigt mich nochmal auf einem ganz anderen Level, weil ich Günther Schubert aus der besten Polzeiruf 110-Folge jemals, Der Mann im Baum, kenne und weiß, was man mit dem Mann alles hätte anfangen können!
Was mich aber nun wirklich am allermeisten an der Staffel ärgert ist, dass es so wirkt, als werden die Figuren einfach nur vom Plot hin- und herbewegt. Die wenigsten Entscheidungen und Handlungen wirken wie aus sich selbst heraus motiviert, sondern wir brauchen Ereignis X und emotionalen Impact Y, also macht ein Charakter Z. Das zeigt sich schon recht früh in dem Umstand, dass Lieblings Tochter Sarah binnen zwei Folgen schwanger wird und das Kind gebiert und weder Liebling noch wir Normies vorm Fernseher bekommen viel davon mit. Uns kann man das verzeihen, aber der eigentlich treu sorgende, wenn auch grummelige Papa?
Noch eklatanter zeigt sich das, wenn man sich den Charakter von Geldfälscher Gumpert (sehr charmant gespielt von Rolf Zacher) beschaut. Der ist seit Staffel 2 Stammkunde von Liebling. Neben dem offensichtlichen Grund, warum er einer Verteidigung bedarf, ging es bei ihm schon um Hafturlaub zwecks Betreuung seiner Kinder und Strafklageverbrauch. Tritt Gumpert mit seiner Familie sonst nur einmal auf, bekommen wir ihn in dieser Staffel gleich mehrmals zu sehen: In Folge 8 (“Spatz in der Hand”) wird sein Sohn im Säuglingsalter vorgestellt, der das Downsyndrom hat und todesniedlich ist. In der gleichen Folge wird das Kind bei einer OP quasi vom Arzt euthanasiert.
Auf der einen Seite hat das natürlich per se eine sehr ernüchternde Wirkung, aber wäre der Jung schon etwas eher etabliert worden, würde die nachfolgende Ehekrise Gumperts und seine Flucht ins Esoterische (Thema von Folge 11 “Ein bißchen Gewalt”) viel verdienter wirken. So schaut es aber eher aus, als habe Plenzdorf den Tod eines behinderten Kindes als diabolus ex machina wie eine Bowlingkugel in die Staffel geworfen, um einmal billig Betroffenheit zu ernten.
Ganz wie bei der DDR lässt sich dennoch sagen, dass nicht alles schlecht war. Isolde Isenthal ist ein interessanter, aber nicht zu nah an Arnold gebauter Gegenpart zu Liebling und Jenny Grölmann spielt sie auch sehr patent, liebenswürdig, selbstsicher und doch mit einer Prise Verletzlichkeit. Viele der Sprüche stehen den Einzeilern von Becker in keinster Weise nach (“Aber wehe, ein Skinhead taucht auf – dann sind se Scarlett O’Hara, vom Winde verweht!”) und auch unter den Fällen gibt es definitiv Highlights.
Hervorzuheben ist Folge 10 (“Kein bißchen schwanger”), bei der es um eine Feststellung der Vaterschaft zwecks Unterhalt geht. Nicht nur findet sich Liebling in einem Mamma Mia-Szenario wieder, bei dem die fragliche Mutter Teilnehmerin einer jugendlichen Orgie in einer Scheune war (Dorfkinder können’s nachempfinden, gibt ja sonst nüscht zu tun auf dem Land). Liebling trägt die Masse an Zeugungskandidaten mit Fassung. Als dann zum Ende der Mär der Richtige ausgemacht ist, freut sich der junge Mann so dolle und rührend, dass selbst unser pampiger Anwalt der Herzen sichtlich bewegt ist und uns zuzwinkert: “Beim Happy End wird abjeblend’t!”
Außerdem muss man der Wind of Change-Staffel Liebling Kreuzberg wirklich zugute halten: Selten gab es so üppiges Blattgrün in einer Fernsehkanzlei.

Isenthal, nennen Sie mir den Dünger! ©ARD
Ein bisschen Staffel 5 (1997) und ein bisschen viel Wehmut
Zum Drehbeginn der fünften Staffel Liebling Kreuzberg, die diesmal wirklich die letzte sein soll, kommen gleich mehrer dicke Ottos zusammen. Wie im Abschnitt zu Staffel 3 erwähnt betrügt Manfred Krug seine Ehefrau Ottilie jahrelang mit Schauspielerin Petra Duda. Im Januar 96 fliegt die Affäre auf. Nach einer Aussprache einigt man sich zwar darauf, am Status Quo nicht zu schrauben und friedlich zwei Familien Krug nebeneinander existieren zu lassen. Aber Manfred Krug zeigt sich in seinen Tagebucheinträgen ordentlich gerüttelt von den Ereignissen. Die Flucht an ein Set würde ihm mehr als guttun.
Nachdem Jurek Becker die letzten Jahre Liebling ausgesessen hat, möchte er nun wieder einsteigen. Zyniker mögen unterstellen, dass das der lauwarmen Rezeption seines Romans Amanda Herzlos und der Krug-Becker-Freundschaftsprojekte Neuner und Wir sind doch auch nur ein Volk geschuldet ist. Weit hergeholt ist das nicht. Im Vordergrund steht jedoch eine fette, hässliche Chimäre, die sich in Beckers Körper ausbreitet: Er hat Krebs. Bauchspeicheldrüse.
Dieser war einige Wochen zuvor, im Dezember 95, bei ihm diagnostiziert worden. Jänner 96 wird klar, dass der Unrat auch noch gestreut hat. Metastasen an der Niere. Becker selbst gibt sich noch fünf Jahre, Liebling-Produzent Otto Meissner ist nicht ganz so optimistisch und verpflichtet ihn als neuen alten Drehbuchautoren lieber früher als später. Krug kommt das nicht nur aus Zerstreuungsgründen gelegen, er fand Ulrich Plenzdorfs didaktisches Drehbuch zur letzten Staffel auch nicht so dolle und freut sich, wieder mit einem zu arbeiten, der mühelos gut für ihn schreiben kann.
Man besinnt sich also auf das Erfolgsrezept zurück: Liebling kriegt wieder eine eigene Kanzlei in Kreuzberg, sowohl Senta als auch Paula sind wieder dabei. Neu sind sowohl Regisseurin Vera Loebner als auch Lieblings Sozius Dr. Bruno Pelzer (Stefan Reck), der ihm nicht nur die Hälfte seiner Fälle, sondern auch seinen Ruf als Schwerenöter abnimmt. Denn eines ist klar: Unser Held wird nicht jünger. Sichtlich müde schaut Krug in die Kamera, Herzprobleme sind ein Thema der Staffel. Das Alter hat Liebling monogam gemacht, er verbingt den Großteil seiner Freizeit mit seiner verheirateten Affäre Lola (Monika Woytowicz). Zum ersten Mal ist er der, der hinterherhechelt.
Dieser Trott schlägt sich auch in den Fällen nieder: Obwohl wir in unglaublichen 18 Folgen mit allerlei Rechtsfragen zugeballert werden, hat man kaum noch den Eindruck, dass es wirklich um etwas geht. Dieses Gefühl der ersten Staffeln, dass Liebling auch mal verliert oder vor schwierige Entscheidungen gestellt wird – weg isses. Wenn es mal pikantere Fälle gibt, bei denen Neonazis verteidigt werden müssen (Folge 4 “Wissen ist Macht”) oder das Thema Homosexualität und Mündigkeit aufgegriffen wird (Folge 13 “Besorgte Väter”), dann muss da Pelzer ran, der in seiner Mischung aus Lieblings Informalität und Arnolds penibler Rechtspflege weder Fleisch noch Fisch ist.
Liebling Kreuzberg hat seinen Protagonisten auf ein zu hohes Podest gestellt.
“Robert Liebling, obgleich in den späteren Staffeln regelmäßig zum Star-Anwalt erhoben, hat nie eine Fehde mit der Presse, geschweige denn einen ernsthaften Konflikt mit dem Recht. Keine Instanz ist zu hoch für ihn, auch wenn es praktisch selten über das Landgericht hinausgeht. Seine Rolle als Anwalt ist ihm in Herz und Blut übergegangen, und die »Wende« ist in den Armen Robert Lieblings wie ein Sommerabend an der Spree.“
– Mala Loth: Liebling der Anwälte. Manfred Krug und die Menschlichkeit des Rechts, S. 409f.
Zunehmend macht sich auch bemerkbar, dass Krug einer ganz anderen Generation von Schauspiel angehört. Die modernen Regieanweisungen findert er albern, die neue politische Korrektheit der Kolleg:innen auch. Zwar gestaltet sich die Arbeit nach Script von Becker wieder etwas besser, aber selbst er als sein ältester und treuester Freund muss feststellen, dass die in der Qualität stark schwanken. Hier wird versucht, einen Zauber einzufangen, der einem tollen Witz von einem längst vergangenen feuchtfröhlichen Abend gleicht.
Vor allem wird Staffel 5 aufgehalten von einem Umstand, den Krug am 20.10.1996 in seinem Tagebuch verewigt:
“Ich berichte Jurek von der Filmfront, und da habe ich eigentlich viel Gutes, was ihn ein bißchen erheitert. Plötzlich wird mir klar, daß Jurek sterben muß. Mein einziger Freund, den ich kaum kenne, der sich nicht kennen läßt, muß sterben. Ich muß auch sterben, aber ich weiß wenigstens nicht, wann. Bald schon, das weiß ich. Aber nicht so bald wie mein armer, geliebter Jurek.”
– Manfred Krug: Ich sammle mein Leben zusammen. Tagebücher 1996-1997, S. 62
Viereinhalb Monate später und eine Woche nach Drehende von Liebling Kreuzberg, am 14. März 1997, stirbt Jurek Becker vergleichsweise friedlich in seinem Häusle im Schleswig-Holstein’schen Sieseby. Auf seinen Wunsch hin findet eine kleine Beerdigung im engsten Kreise auf dem Dorffriedhof statt. Nicolas Becker ist geladen, und natürlich Manfred Krug, der aus Jakob der Lügner liest. Dann verschwinden 40 Jahre Freundschaft im Grab.
Ende Juni 97 erleidet Manfred Krug einen Schlaganfall, der sämtliche Diskussionen um eine weitere Staffel Liebling Kreuzberg, weitere Tatorte oder jedweden anderen Bumms beendet. Es ist keine abrupte Rente, sondern eine wohlüberlegte, und sie gibt Krug die Möglichkeit, noch ein paar Jahre Fünfe gerade sein zu lassen, die Kindheit seiner jüngsten Tochter voll auszukosten und hier ein paar Liedchen aufzunehmen, dort vor Publikum in Erinnerungen zu schwelgen. So kriegt er noch fast zwanzig Jahre rum und stirbt 2016. Er ist gefeiert und beweint in Ost und West.
Geneigte Leserschaft, ich bin ja Gottes Gnaden in einer ähnlichen Position wie Liebling: Ich mach das hier nicht fürs Geld, sondern für den Spaß an der Freude. Konträr zu dem, was man immer über Kritiker:innen meint, habe ich am Zerpflücken von Dingen gar nicht mal so viel Freude. Sicher gäbe es über Staffel 5 mehr zu sagen, aber ich bin traurig und meine Finger tun weh. Also nehm ich mir die Freiheit raus, hier jetzt aufzuhören (man kann nicht sagen verfrüht) und Sie mit den Dingen zu entlassen, die mir Freude bereitet haben:
Die ersten drei Staffeln Liebling Kreuzberg. Lichte Momente aus Staffel 4 und 5. Der schön dick aufgetragene Antifaschismus, der die Serie gleichzeitig zum Mahnmal und zum Zeitdokument macht. Alles, was ich in meiner Recherche für dieses Projekt lernen durfte. Und – aber hier ist nicht nur Freude, sondern auch ein paar Tränchen dabei – diese Nachricht, die Jurek Becker im Juli 93 an Manfred Krug schickt:
Lieber Manfred,
Wer glaubt, er könne dich
verlassen,
die Zeit mit dir sei nicht
so wichtig,
wer glaubt, er würde
nichts verpassen,
der tickt nicht richtig.
– aus Jurek Beckers Neuigkeiten, S. 174
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Ohne folgende Quellen wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen:
Ein Abend für Manfred Krug (Regie Heike Sittner, 2017, MDR)
Nach der ersten Zukunft. Der Schriftsteller Jurek Becker (Regie Jan Franksen, 1990, BR)
Gilman, Sander L. (2004): Jurek Becker. Die Biographie.
Kutzmutz, Olaf (2008): Jurek Becker. Leben – Werk – Wirkung.
Krug, Manfred (2022): Ich sammle mein Leben zusammen. Tagebücher 1996 – 1997. Herausgegeben von Krista Maria Schädlich.
Krug, Manfred (Hrsg., 1997): Jurek Beckers Neuigkeiten. An Manfred Krug & Otti. Hier kann man die sogar von Krug vertont hören!
Loth, Mala (2019): “Liebling der Anwälte. Manfred Krug und die Menschlichkeit des Rechts” Zeithistorische Forschungen/ Studies in Contemporary History 16:2, S. 400-409.
Und natürlich Wikipedia, bin ich ehrlich.

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